Psychologie
TEIL 6

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Die Psychoanalyse: Schillernde Protagonisten
Sigmund Freud | Psychoanalyse als Therapie | Drei Instanzen | Psychoanalyse im Film | Freudsche Versprecher | Protagonisten der Psychoanalyse | Kritik

Protagonisten der Psychoanalyse

Dass die Psychoanalyse unter Wissenschaftlern umstritten ist, von vielen gar als Wissenschaft nicht ernst genommen wird, hat wohl teilweise auch mit den recht unkonventionellen Charakteren zu tun, die diese Disziplin bekannt gemacht haben.

Sigmund Freud
Jacques Lacan
Alexander Sutherland Neill

Bei Freud selber klang schon an dass er gerne ironisch reagierte und sehr selbständige Denkansätze verfolgte. Von Anfang an tappte er bei seinen Kollegen in der Ärzteschaft ins Fettnäpfchen mit seiner These, dass die Hysterie auch Männer befallen könne. Auch war das Klima im Wien der Jahrhundertwende in weiten Teilen der Bevölkerung antisemitisch geprägt. Ein Freidenker, ein Jude noch dazu der die katholische Bevölkerung mit provokanten Theorien über die sexuelle Motivation ihrer Neurosen konfrontierte: die Kontroversen waren vorprogrammiert, und nicht immer wurde dabei rational argumentiert.

Wilhelm Reich

Einer der schillerndsten Psychoanalytiker war wohl Wilhelm Reich. Allein die Tatsache, dass er als Gründer des "Freudo-Marxismus" gilt und als Verkünder der Orgasmustheorie, einer Weiterentwicklung von Freuds Libidotheorie, für die KPD sexualpolitische Agitation betrieb, lässt Freunde skurriler Ideen aufhorchen. Reich wurde nicht nur aus allen psychoanalytischen Organisationen, sondern auch aus der KPD ausgeschlossen. Frei nach Groucho Marx' Motto: "Einem Klub, der mich als Mitglied aufnehmen würde, mag ich gar nicht angehören."

Als wäre das nicht genug, verdanken wir diesem Mann auch noch die Theorie von der Orgon-Strahlung. Die FDA, eine Bundesbehörde in den Vereinigten Staaten, war von dieser Idee derart angetan dass sie kurzerhand alle Bücher Reichs, die das Wort "Orgon" erwähnten oder auch nur als geistige Vorbereitung des Konzepts angesehen wurden, zu verbrennen wünschte! Gab es so etwas nicht schon einmal ein viertel Jahrhundert früher im Herzen Europas?

Reichs Anhängerschaft mutet der Natur der Sache gemäß eher etwas esoterisch an. An dieser Stelle soll aber auch nicht verschwiegen werden, dass Reichs unorthodoxe und radikale Ansichten unter einigen Kollegen tatsächlich Beachtung fanden und inspirierende Wirkung auf diese hatten. Zu nennen wäre in diesem Zusammenhang Ronald D. Laing, der Begründer der "Antipsychiatrischen Bewegung".

Jacques Lacan

Jacques Lacan
Jacques Lacan

In Frankreich gilt Jacques Lacan als einer der bedeutendsten Psychoanalytiker des 20. Jahrhunderts. Sperrig sind allerdings nicht nur seine Schriften, die aufgrund Lacans ganz eigener Begrifflichkeiten - ein Wort kann in unterschiedlichen Zusammenhängen verschiedene, oft nicht klar definierte Bedeutungen haben - extrem schwer zugänglich sind.

Lacan wurde aus der Psychoanalytischen Vereinigung Frankreichs ausgeschlossen, weil er sich nicht an die Spielregeln der Therapie hielt. So konnten seine Sitzungen Stunden dauern, oder aber bereits nach wenigen Minuten beendet sein wenn er dies für richtig erachtete. Aus dieser Willkürlichkeit dürfen wir schließen, dass er jegliche Form von Konvention und Routine für durchaus verzichtbar hielt.

Querverbindungen

Im Umfeld der Psychoanalyse finden sich auch die Namen illustrer Philosophen, Wissenschaftler, Künstler und Pädagogen wieder. Lacan war beispielsweise mit Salvador Dali befreundet. Wer das ebenfalls als Hinweis auf einen recht eigenen Charakter nehmen möchte mag dies tun. Der exzentrische Pädagoge Alexander Sutherland Neill wiederum, bekannt geworden durch sein Konzept der antiautoritären Erziehung, war gut mit dem nicht minder außergewöhnlichen Wilhelm Reich befreundet.

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