PSYCHOLOGIE
TEIL 4

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Die Psychoanalyse: Film und Psychoanalyse
Sigmund Freud | Psychoanalyse als Therapie | Drei Instanzen | Psychoanalyse im Film | Freudsche Versprecher | Protagonisten der Psychoanalyse | Kritik

Psychoanalyse im Film

" ... Das Denken in Bildern ist ... nur ein sehr unvollkommenes Bewusstwerden. Es steht auch irgendwie den unbewussten Vorstellungen näher als das Denken in Worten und ist unzweifelhaft onto- wie phylogenetisch (=entwicklungsgeschichtlich, der Autor) älter als dieses."

Sigmund Freud: "Das Ich und das Es", 1923.

1895 veröffentlichte Freud zusammen mit Breuer "Studien zur Hysterie" und begründete damit die Psychoanalyse, während die Brüder Lumière zeitgleich in Paris die erste Kinovorführung veranstalteten.

Freud weigerte sich zeitlebens an einem Filmprojekt zum Thema Psychoanalyse mitzuarbeiten. Dabei sind Filme eng mit Träumen verwandt, die ja in Freuds Theorie eine Schlüsselrolle spielen! Bei beiden ist der Rezipient dem Geschehen auf der Leinwand oder im Unbewussten passiv ausgeliefert, empfängt flüchtige Bilder, assoziiert diese zu Szenen und Geschichten und befindet sich im dunklen Kinosaal in einem ähnlichem Dämmerzustand wie im Traum.

Aus der Sicht eines Filmemachers geht es letzten Endes darum, eine bestimmte Wirkung auf den Zuschauer zu erzielen. Sei es um ihn zu unterhalten, oder ihn zum Nachdenken anzuregen. Dazu bedient er sich oft einer Geschichte, die er in Bildern und Tönen erzählt. Aber auch die Bilder an sich wirken, ähnlich wie Traumbilder den Schläfer beeinflussen. Experimentelle Regisseure haben ihre Filme oft auf dieser Erkenntnis aufgebaut.

L'Age d'Or

1930 drehte der spanische Regisseur Luis Buñuel in Frankreich den Film "L'Age d'Or", zu deutsch "Das Goldene Zeitalter".

Der Surrealist Buñuel bediente sich konsequent der Macht assoziativer Bilder, auch wenn der Film Ansätze einer konventionellen Liebesgeschichte zu erzählen scheint. Radikal und kritisch entlarvt der Regisseur autoritäre Strukturen, prangert mit provozierenden Bildern religiöse Dogmen und Heuchelei an. Der Film selbst wurde verboten und darf in Frankreich erst seit 1981, nach 50 Jahren, wieder gezeigt werden!

Nosferatu, eine Symphonie des Grauens

Nosferatu
Max Schreck als Graf Orlok.
F. W. Murnau: Nosferatu, 1922.

Nachdem sich die Psychoanalyse mit den Urtrieben und -ängsten des Menschen beschäftigt, wundert es nicht, dass auch von der Psychoanalyse beeinflusste Filme sich oft mit eher düsteren Aspekten der menschlichen Natur beschäftigen. Ähnlich den Surrealisten um Buñuel begann auch das Genre des Horrorfilms die Zusammenhänge zwischen (alp)traumartigen Bildern und deren Wirkung auf den Zuschauer für seine Zwecke zu nutzen, die ja explizit auf die Erzeugung von Angst und Verstörung beim Publikum abzielen. Von Freud selbst existiert ein 1919 erschienener Aufsatz "Über das Unheimliche".

Luis Bunuel
Salvador Dali
Federico Fellini
Sigmund Freud

Friedrich Wilhelm Murnaus expressionistischer Horrorfilm "Nosferatu, eine Symphonie des Grauens" von 1922 wirkt durch seine dunkle Bildsprache, das eindrücklich-zurückhaltende Spiel Max Schrecks und die ewige Geschichte des untoten Wiedergängers. Die Unheimlichkeit der Angst vor dem Nicht-Sterben und der Unfähigkeit zur Liebe, die der Vampir durch den Genuss des Blutes seiner Opfer zu kompensieren sucht, ließen einige der damaligen Kinobesucher ohnmächtig in ihren dunklen Sesseln zusammensacken. Hartnäckig hielten sich auch Gerüchte darüber, dass Max Schreck (auf Englisch: Max Horror, Abk. für "maximum horror", "größtmöglicher Schrecken") tatsächlich ein Vampir sei. Ihre zeitlich zusammenhängende Entstehung macht Film und Psychoanalyse zu Kindern des damaligen Zeitgeistes. Beide befassen sich - der Film allerdings nicht ausschließlich - mit den unbewussten Abgründen der menschlichen Seele, ob nun in analysierender, wie bei der Psychoanalyse, oder in der darstellenden Form des Kinofilms.

Morgen bei aphilia: Der Freudsche Versprecher