PHILOSOPHIE
TEIL 3

VON 5
Der Daoismus (3): Die Lehrsätze des Daoismus
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Das Daodejing (Kapitel 1)

Das Dao
Das Dao

Dao, kann es ausgesprochen werden,
Ist nicht das ewige Dao.
Der Name, kann er genannt werden,
Ist nicht der ewige Name.
Das Namenlose ist des Himmels und der Erde Urgrund,
Das Namen-Habende ist aller Wesen Mutter.
Darum:
»Wer stets begierdenlos,
Der schauet seine Geistigkeit,
Wer stets Begierden hat,
Der schauet seine Außenheit«.
Diese Beiden sind desselben Ausgangs
Und verschiedenen Namens,
Zusammen heißen sie tief, des Tiefen abermal Tiefes,
Aller Geistigkeiten Pforte.

Interpretationversuche

Wu Wei
Wu Wei

Victor von Strauß, der "erste Sinologe Deutschlands", zieht einen Interpretationsfaden vom altgriechischen Logos über das chinesische Dao bis zur Sichtweise des Urgrundes beim christlichen Mystiker Meister Eckart.
Am Anfang steht der Grund alles Seins, der auch der Grund aller Erkenntnis und der Lehre ist. Der Name des Grundes ist unbekannt, das Wörtchen Dao also eher ein Platzhalter denn eine klare Definition. Die Anschauung des Dao, des Absoluten, ist eine Perspektive frei von Begierden und frei vom Alltäglichen.

Wu Wei

"Wu Wei" ist ein zentraler Begriff des Daoismus. Er bezeichnet die intuitive Weise des "Nicht-Eingreifen". Da sich die Dinge vom Menschen recht unbeeinflusst weiterentwickeln, wäre es unvernünftig, sein Schicksal durch allzu bewusstes Handeln beeinflussen zu wollen. Der Mensch kann sich nur intuitiv am Dao orientieren. Die Phänomene sind einem ständigen Wandel unterworfen.
Die daoistische Ethik, also das, was das richtige Handeln des Menschen beschreibt, ist daher eine Ethik der Zurückhaltung. "Wu Wei" bedeutet, mit möglichst wenig Energie die Wandlungen der Welt zu begleiten, sich die Ziele der Natur zu den eigenen zu machen und sich auf keinen Fall gegen sie zu stemmen. Der Weise lässt das "Sein".

Europas Weg zur Sinologie

Die Jesuiten und ihre Mission

In der Neuzeit waren es Jesuiten, die zuerst als Vertreter des Abendlandes mit dem Daoismus in Kontakt traten. Der Austausch fand mit dem Kaiserhof der Mandschu statt. Aus dem Jahr 1788 datiert die erste Übersetzung des Daodejing ins Lateinische, die an die Londoner Royal Society übergeben wurde. Unübersehbar ist dabei die Intention der Übersetzer, fernöstliches und christliches Gedankengut miteinander zu verweben und zu harmonisieren.
Meister Eckhart
Herrmann Hesse
Carl Gustav Jung
Arthur Schopenhauer

Einen Boom erlebte die Sinologie in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts, als die ersten Europäer damit begannen, Texte der Daoisten im Original zu studieren. Die erste deutsche Übersetzung (1870) von Lao-Tse verdanken wir Victor von Strauß. Seine Übersetzung ist bis heute (!) von der deutschen wie der chinesischen Fachwelt anerkannt. Der Philosoph Arthur Schopenhauer, der fernöstlichen Weisheitslehre zugeneigt, wäre sicher über dieses Werk sehr glücklich gewesen, starb aber schon vor der Veröffentlichung. Die Nachfolger im 20. Jahrhundert, vom Schriftsteller Hermann Hesse bis zum Psychoanalytiker Carl Gustav Jung, bedienten sich gerne der Gedanken des Daodejing und empfahlen sie auch als Gegenentwurf zum modernen Europa der Leistung und der Geschwindigkeit. Heute zählt der Daoismus, obschon seine Lehren durchaus lebenspraktisch ausgerichtet sind, zu den spirituellen Strömungen.

Morgen bei aphilia: Lehrmeister des Daoismus