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Dao, kann es ausgesprochen werden,
Ist nicht das ewige Dao.
Der Name, kann er genannt werden,
Ist nicht der ewige Name.
Das Namenlose ist des Himmels und der Erde Urgrund,
Das Namen-Habende ist aller Wesen Mutter.
Darum:
»Wer stets begierdenlos,
Der schauet seine Geistigkeit,
Wer stets Begierden hat,
Der schauet seine Außenheit«.
Diese Beiden sind desselben Ausgangs
Und verschiedenen Namens,
Zusammen heißen sie tief, des Tiefen abermal Tiefes,
Aller Geistigkeiten Pforte.

Victor von Strauß, der
"erste Sinologe Deutschlands", zieht einen Interpretationsfaden vom
altgriechischen Logos über das chinesische Dao bis zur
Sichtweise des Urgrundes beim christlichen Mystiker Meister Eckart.
Am Anfang steht der Grund alles Seins, der auch der Grund aller
Erkenntnis und der Lehre ist. Der Name des Grundes ist unbekannt, das
Wörtchen Dao also eher ein Platzhalter denn eine klare
Definition. Die Anschauung des Dao, des Absoluten, ist eine
Perspektive frei von Begierden und frei vom
Alltäglichen.
"Wu Wei" ist ein zentraler
Begriff des Daoismus. Er bezeichnet die intuitive Weise des
"Nicht-Eingreifen". Da sich die Dinge vom Menschen recht unbeeinflusst
weiterentwickeln, wäre es unvernünftig, sein
Schicksal durch allzu bewusstes Handeln beeinflussen zu wollen. Der
Mensch kann sich nur intuitiv am Dao orientieren. Die
Phänomene sind einem ständigen Wandel unterworfen.
Die daoistische Ethik, also das, was das richtige Handeln des Menschen
beschreibt, ist daher eine Ethik der Zurückhaltung. "Wu Wei"
bedeutet, mit möglichst wenig Energie die Wandlungen der Welt
zu begleiten, sich die Ziele der Natur zu den eigenen zu machen und
sich auf keinen Fall gegen sie zu stemmen. Der Weise lässt das
"Sein".
Einen Boom erlebte die Sinologie in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts, als die ersten Europäer damit begannen, Texte der Daoisten im Original zu studieren. Die erste deutsche Übersetzung (1870) von Lao-Tse verdanken wir Victor von Strauß. Seine Übersetzung ist bis heute (!) von der deutschen wie der chinesischen Fachwelt anerkannt. Der Philosoph Arthur Schopenhauer, der fernöstlichen Weisheitslehre zugeneigt, wäre sicher über dieses Werk sehr glücklich gewesen, starb aber schon vor der Veröffentlichung. Die Nachfolger im 20. Jahrhundert, vom Schriftsteller Hermann Hesse bis zum Psychoanalytiker Carl Gustav Jung, bedienten sich gerne der Gedanken des Daodejing und empfahlen sie auch als Gegenentwurf zum modernen Europa der Leistung und der Geschwindigkeit. Heute zählt der Daoismus, obschon seine Lehren durchaus lebenspraktisch ausgerichtet sind, zu den spirituellen Strömungen.