PHILOSOPHIE
TEIL 2

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Der Daoismus (2): Die Grundbegriffe des Daoismus
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Das Dao

Das Dao
Das Dao

Der Begriff "Daoismus" leitet sich von "Dao" (Tao) ab. Dieses war schon vor dem Daoismus in der chinesischen Philosophie bekannt, rückte aber erst durch das Lehrwerk "Daodejing" in den Mittelpunkt. Ähnlich wie das altgriechische "Logos" bietet es eine Fülle von unterschiedlichen Bedeutungen und Interpretationsmöglichkeiten.
Ursprünglich stand "Dao" wohl für den Begriff "Weg". Später kamen Deutungen wie Prinzip, Methode und "richtiger Weg" hinzu. Laozi verwendet Dao auch für eine der Welt zugrundeliegenden, alldurchdringenden Ordnung und Einheit, in der die Gegensätze aufgehoben sind. Dieser unterstehen alle anderen Dinge. Das Dao ist aber nicht definierbar, sondern entzieht sich der genauen Analyse des menschlichen Verstandes.

Yin und Yang

Die im Westen bekanntesten Begriffe des Daoismus sind die Gegensätze Yin und Yang. Yin beschreibt ursprünglich die dunkle, schattige Seite eines Berges, Yang die helle und sonnige. Im Verständnis des Daoismus gibt es auf der Erde und im All nichts, das nicht Yin oder Yang unterworfen ist, auch nicht der Mensch. Das Weibliche steht hierbei für Yin und das Männliche für ist Yang. Yin ist das Passive, Yang das Aktive, Yin die Null und Yang die Eins, Yin das Nichts und Yang das Sein.
Beide Begriffe sind untrennbar miteinander verbunden und dürfen niemals isoliert betrachtet werden. Ähnlich wie bei Heraklit, dem großen vorsokratischen Denker des Abendlandes, ergibt sich die Harmonie der Welt aus dem Zusammenspiel der Gegensätze.

Wu Wei

Wu Wei
Wu Wei

"Wu Wei" ist der dritte zentrale Begriff des Daoismus. Es bezeichnet die intuitive Weise des "Nicht-Eingreifen". Da sich die Dinge vom Menschen unbeeinflusst weiterentwickeln, wäre es unvernünftig, sein Schicksal durch allzu bewusstes Handeln beeinflussen zu wollen. Der Mensch kann sich nur intuitiv am Dao orientieren. Die Phänomene sind einem ständigen Wandel unterworfen. Die daoistische Ethik, also das, was das richtige Handeln des Menschen beschreibt, ist daher eine Ethik der Zurückhaltung. "Wu Wei" bedeutet, mit möglichst wenig Energie die Wandlungen der Welt zu begleiten, sich die Ziele der Natur zu den eigenen zu machen und sich auf keinen Fall gegen sie zu stemmen. Der Weise lässt das "Sein".

Europas Weg zur Sinologie

Die Jesuiten und ihre Mission

In der Neuzeit waren es Jesuiten, die zuerst als Vertreter des Abendlandes mit dem Daoismus in Kontakt traten. Der Austausch fand mit dem Kaiserhof der Mandschu statt. Aus dem Jahr 1788 datiert die erste Übersetzung des Daodejing ins Lateinische, die an die Londoner Royal Society übergeben wurde. Unübersehbar ist dabei die Intention der Übersetzer, Fernöstliches und Christliches miteinander zu verweben und zu harmonisieren.

Herrman Hesse
Arthur Schopenhauer

Einen Boom erlebte die Sinologie in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts, als die ersten Europäer damit begannen, Texte der Daoisten im Original zu studieren. Die erste deutsche Übersetzung (1870) von Lao-Tse verdanken wir Victor von Strauß. Seine Übersetzung ist bis heute (!) von der deutschen wie der chinesischen Fachwelt anerkannt. Ein Philosoph wie Schopenhauer, der fernöstlichen Weisheitslehre zugeneigt, wäre sicher über dieses Werk sehr glücklich gewesen, starb aber schon vor der Veröffentlichung. Die Nachfolger im 20. Jahrhundert, von Heidegger bis Hesse, bedienten sich gerne der Gedanken des Daodejing und empfahlen sie auch als Gegenentwurf zum modernen Europa der Leistung und der Geschwindigkeit. Heute zählt der Daoismus, obschon seine Lehren durchaus lebenspraktisch ausgerichtet sind, zum etablierten Teil der als spirituell bezeichneten Strömungen.

Morgen bei aphilia.de: Die Lehrsätze des Daodejing