| Archäologie | Literatur | Psychologie |
| Astronomie | Naturwissenschaft | Sprachen |
| Geschichte | Pädagogik | Theologie |
| Kunst | Philosophie | FORUM |

Der Begriff "Daoismus" leitet sich
von "Dao" (Tao) ab. Dieses war schon vor dem Daoismus in der
chinesischen Philosophie bekannt, rückte aber erst durch das
Lehrwerk "Daodejing" in den Mittelpunkt. Ähnlich wie das
altgriechische "Logos" bietet es eine Fülle von
unterschiedlichen Bedeutungen und Interpretationsmöglichkeiten.
Ursprünglich stand "Dao" wohl für den Begriff "Weg".
Später kamen Deutungen wie Prinzip, Methode und "richtiger
Weg" hinzu. Laozi verwendet Dao auch für eine der Welt
zugrundeliegenden, alldurchdringenden Ordnung und Einheit, in der die
Gegensätze aufgehoben sind. Dieser unterstehen alle anderen
Dinge. Das Dao ist aber nicht definierbar, sondern entzieht sich der
genauen Analyse des menschlichen Verstandes.

Die im Westen bekanntesten Begriffe
des Daoismus sind die Gegensätze Yin und Yang. Yin beschreibt
ursprünglich die dunkle, schattige Seite eines Berges, Yang
die helle und sonnige. Im Verständnis des Daoismus gibt es auf
der Erde und im All nichts, das nicht Yin oder Yang unterworfen ist,
auch nicht der Mensch. Das Weibliche steht hierbei für Yin und
das Männliche für ist Yang. Yin ist das Passive, Yang
das Aktive, Yin die Null und Yang die Eins, Yin das Nichts und Yang das
Sein.
Beide Begriffe sind untrennbar miteinander verbunden und
dürfen niemals isoliert betrachtet werden. Ähnlich
wie bei Heraklit, dem großen vorsokratischen Denker des
Abendlandes, ergibt sich die Harmonie der Welt aus dem Zusammenspiel
der Gegensätze.

"Wu Wei" ist der dritte zentrale Begriff des Daoismus. Es bezeichnet die intuitive Weise des "Nicht-Eingreifen". Da sich die Dinge vom Menschen recht unbeeinflusst weiterentwickeln, wäre es unvernünftig, sein Schicksal durch allzu bewusstes Handeln beeinflussen zu wollen. Der Mensch kann sich nur intuitiv am Dao orientieren. Die Phänomene sind einem ständigen Wandel unterworfen. Die daoistische Ethik, also das, was das richtige Handeln des Menschen beschreibt, ist daher eine Ethik der Zurückhaltung. "Wu Wei" bedeutet, mit möglichst wenig Energie die Wandlungen der Welt zu begleiten, sich die Ziele der Natur zu den eigenen zu machen und sich auf keinen Fall gegen sie zu stemmen. Der Weise lässt das "Sein".
Einen Boom erlebte die Sinologie in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts, als die ersten Europäer damit begannen, Texte der Daoisten im Original zu studieren. Die erste deutsche Übersetzung (1870) von Lao-Tse verdanken wir Victor von Strauß. Seine Übersetzung ist bis heute (!) von der deutschen wie der chinesischen Fachwelt anerkannt. Ein Philosoph wie Schopenhauer, der fernöstlichen Weisheitslehre zugeneigt, wäre sicher über dieses Werk sehr glücklich gewesen, starb aber schon vor der Veröffentlichung. Die Nachfolger im 20. Jahrhundert, von Heidegger bis Hesse, bedienten sich gerne der Gedanken des Daodejing und empfahlen sie auch als Gegenentwurf zum modernen Europa der Leistung und der Geschwindigkeit. Heute zählt der Daoismus, obschon seine Lehren durchaus lebenspraktisch ausgerichtet sind, zum etablierten Teil der als spirituell bezeichneten Strömungen.