NATURWISSENSCHAFT
TEIL 7

VON 9
Hildegard von Bingen (7): Über die Tiere
Pflanzen | Elemente | Bäume | Steine | Fische
Vögel | Tiere | Reptilien | Metalle

Das Wesen der Tiere im Werk der Hildegard von Bingen

Galen
Hildegard von Bingen
Hippokrates
Hildegard von Bingen
Hildegard von Bingen bei der Aufzeichnung
Miniatur aus dem Rupertsberger Codex

Hinweis: Das Werk der Hildegard von Bingen gibt einen wichtigen Einblick in die Geschichte der Medizin. Es ist ersichtlich, dass die Ärztin und Äbtissin Wissenschaft und Mythologie weit mehr vermengt als ihre Vorgänger Hippokrates und Galen. Aus heutiger Perspektive sind Hildegards Rezepte für die Heilung von Krankheiten zumeist unwirksam und in einigen Fällen durchaus schädlich.

Das Kapitel über die Tiere bildet einen Höhepunkt in der Naturkunde der Hildegard von Bingen. In ihrer Weltanschauung, die sie in der Vorrede (Praefatio) darlegt, bilden die Tiere die Gedanken des Menschen ab. Besonders nahe stehen dem Menschen der Löwe und der Bär. Auch das Einhorn ist in Hildegards Katalog aufgenommen. Die Mystikerin schöpfte ihr Wissen aus vielen Quellen, und die Existenz des Fabelwesens zog sie dabei nicht in Zweifel.

Über den Löwen (De Leone)

Im einem faszinierendem sprachlichen Stil, der uns an modernene Tierdokumentationen erinnert, schildert Hildegard von Bingen das Temperament, das Paarungsverhalten und die Sorge um die Jungen bei den Löwen: 

"Der Löwe ist sehr heiß. Er weiß über den Menschen, und wenn er ihn in seiner Wut verletzt, so bereut er es nach der Tat. Seine Kraft und seine tierische Natur vergessend, paart er sich ehrbar mit der Löwin. Wenn die Löwin nicht das Leben der Jungen in sich spürt, ist sie voll Trauer und dem Löwen zum Feind, da sie nicht weiß, ob sie empfangen hat. Wenn sie die Jungen zur Welt gebracht hat, und sie für tot hält, verlässt sie dieselben. Der Löwe aber sieht dann die Löwin, weiß dass sie geboren hat, eilt zu ihnen und richtet die Jungen auf. Er sammelt seine Kräfte, die er bei der Paarung eingebüßt hat und brüllt so laut, dass die Jungen davon erweckt werden. Und er brüllt noch viel lauter, damit die Löwin glücklich herbeieilt, den Löwen vertreibt, die Jungen pflegt und aufrichtet. Sie erlaubt es dem Löwen nicht, sich zu nähern, bis sie erwachsen sind." (Hildegard von Bingen: Physica. De Animalibus)

Über den Bären (De Urso)

Die neun Bücher der Physica, Hildgards Systematik der Heilkräfte

1. De Plantis. Über die Pflanzen
2. De Elementis. Über die Elemente
3. De Arboribus. Über die Bäume
4. De Lapidibus. Über die Steine
5. De Piscibus. Über die Fische
6. De Avibus. Über die Vögel
7. De Animalibus. Über die Tiere
8. De Reptilibus. Über die Reptilien
9. De Metallis. Über die Metalle

Mit Ausnahme des zweiten Buches beginnt jeder Teil mit der Praefatio, einer Vorrede, in der Hildegard von Bingen Glaubens- und Naturlehre miteinander verknüpft.

Hildegard beschreibt den Bären, noch mehr als den Löwen, als mit dem Mensche sehr verwandt. Das Kapitel über den Bären enthält zwei Schlüsselstellen ihrer Naturbetrachtung und Naturphilosophie. Erstens: Die Seele schlüpft in den Menschen, nachdem seine Organe ferig gestellt sind. Zweitens: Der Mensch war den Tieren sehr ähnlich, bevor er den Apfel im Garten des Paradieses vom Baum der Erkenntnis gegessen hatte, und sich dadurch versündigte.

"Der Bär hat Wärme fast wie der Mensch, manchmal ist er aber auch kalt. Wenn er warm ist, so hat er eine laute Stimme, und er ist sanftmütig. Ist er aber kalt, so hat er eine leise Stimme und ist voller Zorn. Ist er lüstern, so ist er zahm und nicht zornig. Die aber der Lust nicht nachkommen können, sind zorniger Natur. Als Gott den Menschen schuf, stellte er Verbindungen, Organe, den Verlauf der Adern und alle Wege her, die die Seele zu durchwandern hat.
Gott schuf die Vögel, Fische und Tiere vorher, doch sie taten nichts, eher er wirkte, und warteten ab, was der Mensch zuerst beginnen würde. Als aber der Mensch den Apfel gegessen hatte, und vor Angst schwitzte, nahm sein Blut die Eigenschaft der menschlichen Natur an. Und auch die übrigen Tiere erhielten ihre Natur." (Hildegard von Bingen: Physica. De Animalibus)

Über das Einhorn (De Unicorni)

Echte Tiere und Fabelwesen mischen sich in der Naturlehre der Hildegard von Bingen. Der Drache findet seinen Platz unter den Reptilien, und das Einhorn unter den Tieren:
"Das Einhorn hat mehr Wärme als Kälte. Es ernährt sich von Pflanzen. Menschen und andere Tiere meidet es. Den Mann fürchtet das Einhorn und flieht ihn. So wie die Schlange beim ersten Sündenfall sich vom Mann abwandte, und das Weib anblickte, so flieht auch dieses Tier den Mann, es folgt aber den Frauen. Daher kann es so schwer eingefangen werden." Trotz des scheuen Wesens eines Einhorns weiß Hildegard aber Rezepte: "Die pulverisierte Leber ergibt mit Eigelb versehen eine Salbe, die bei regelmäßigem Gebrauch jede Art von Aussatz heilt, es sei denn, der Kranke ist für den Tod bestimmt, und Gott will nicht, dass er geheilt wird. Ein Gürtel aus der Haut des Einhorns ist Schutz gegen Pest und Fieber. Schuhe aus dem Leder des Einhorns verleihen gesunde Füße, Unterschenkel und Gelenke.
(Hildegard von Bingen: Physica. De Animalibus)

Morgen bei aphilia: Über die Reptilien