| Archäologie | Literatur | Psychologie |
| Astronomie | Naturwissenschaft | Sprachen |
| Geschichte | Pädagogik | Theologie |
| Kunst | Philosophie | F O R U M |

Hinweis: Das Werk der Hildegard von Bingen gibt einen wichtigen Einblick in die Geschichte der Medizin. Es ist ersichtlich, dass die Ärztin und Äbtissin Wissenschaft und Mythologie weit mehr vermengt als ihre Vorgänger Hippokrates und Galen. Aus heutiger Perspektive sind Hildegards Rezepte für die Heilung von Krankheiten zumeist unwirksam und in einigen Fällen durchaus schädlich.
Das Kapitel über die Tiere bildet einen Höhepunkt in der Naturkunde der Hildegard von Bingen. In ihrer Weltanschauung, die sie in der Vorrede (Praefatio) darlegt, bilden die Tiere die Gedanken des Menschen ab. Besonders nahe stehen dem Menschen der Löwe und der Bär. Auch das Einhorn ist in Hildegards Katalog aufgenommen. Die Mystikerin schöpfte ihr Wissen aus vielen Quellen, und die Existenz des Fabelwesens zog sie dabei nicht in Zweifel.
Im einem faszinierendem sprachlichen
Stil, der uns
an modernene Tierdokumentationen erinnert, schildert Hildegard von
Bingen das Temperament, das Paarungsverhalten und die Sorge um die
Jungen bei den Löwen:
"Der Löwe ist sehr heiß. Er weiß
über den Menschen, und wenn er ihn in seiner Wut verletzt, so
bereut er es nach der Tat. Seine Kraft und seine tierische Natur
vergessend, paart er sich ehrbar mit der Löwin. Wenn die
Löwin nicht das Leben der Jungen in sich spürt, ist
sie voll Trauer und dem Löwen zum Feind, da sie
nicht weiß, ob sie empfangen hat. Wenn sie die Jungen zur
Welt gebracht hat, und sie für tot hält,
verlässt sie dieselben. Der Löwe aber sieht dann die
Löwin, weiß dass sie geboren hat, eilt zu
ihnen und richtet die Jungen auf. Er sammelt seine Kräfte, die
er bei der
Paarung eingebüßt hat und brüllt so laut,
dass die Jungen davon erweckt werden. Und er brüllt noch viel
lauter, damit die Löwin glücklich
herbeieilt, den Löwen vertreibt, die Jungen pflegt und
aufrichtet. Sie erlaubt es dem Löwen nicht, sich zu
nähern, bis sie erwachsen sind." (Hildegard von Bingen:
Physica. De Animalibus)
Hildegard beschreibt den
Bären, noch mehr als den Löwen, als mit dem Mensche
sehr verwandt. Das Kapitel über den Bären
enthält zwei Schlüsselstellen ihrer Naturbetrachtung
und Naturphilosophie. Erstens: Die Seele schlüpft in den
Menschen, nachdem seine Organe ferig gestellt sind. Zweitens: Der
Mensch war den Tieren sehr ähnlich, bevor er den Apfel im
Garten des Paradieses vom Baum der Erkenntnis gegessen hatte, und sich
dadurch versündigte.
"Der Bär hat Wärme fast wie der Mensch, manchmal ist
er aber auch kalt. Wenn er warm ist, so hat er eine laute Stimme, und
er ist sanftmütig. Ist er aber kalt, so hat er eine leise
Stimme und ist voller Zorn. Ist er lüstern, so ist er zahm und
nicht zornig. Die aber der Lust nicht nachkommen
können, sind zorniger Natur. Als Gott den Menschen schuf,
stellte er Verbindungen, Organe, den
Verlauf der Adern und alle Wege her, die die Seele zu durchwandern hat.
Gott schuf die Vögel, Fische und Tiere vorher, doch sie taten
nichts, eher er wirkte, und warteten ab, was der Mensch zuerst beginnen
würde. Als aber der Mensch den Apfel gegessen hatte, und vor
Angst schwitzte, nahm sein Blut die Eigenschaft der menschlichen Natur
an. Und auch die übrigen Tiere erhielten ihre Natur."
(Hildegard von Bingen: Physica. De Animalibus)
Echte Tiere und Fabelwesen mischen
sich in der
Naturlehre der Hildegard von Bingen. Der Drache findet seinen Platz
unter den Reptilien, und das Einhorn unter den Tieren:
"Das Einhorn hat mehr Wärme als Kälte. Es
ernährt sich
von Pflanzen. Menschen und andere Tiere meidet es. Den Mann
fürchtet das Einhorn und flieht ihn. So wie die Schlange beim
ersten Sündenfall sich vom Mann abwandte, und das Weib
anblickte,
so flieht auch dieses Tier den Mann, es folgt aber den Frauen. Daher
kann es so schwer eingefangen werden." Trotz des scheuen Wesens
eines Einhorns weiß Hildegard aber Rezepte: "Die
pulverisierte
Leber ergibt mit Eigelb versehen eine Salbe, die bei
regelmäßigem Gebrauch jede Art von Aussatz heilt, es
sei
denn, der Kranke ist für den Tod bestimmt, und Gott will
nicht,
dass er geheilt wird. Ein Gürtel aus der Haut des Einhorns ist
Schutz gegen Pest und Fieber. Schuhe aus dem Leder des Einhorns
verleihen gesunde Füße, Unterschenkel und Gelenke.
(Hildegard von Bingen: Physica. De Animalibus)