NATURWISSENSCHAFT
TEIL 6

VON 9
Hildegard von Bingen (6): Über die Vögel

Die Heilkraft der Vögel im Werk der Hildegard von Bingen

Galen
Hildegard von Bingen
Hippokrates
Hildegard von Bingen
Hildegard von Bingen bei der Aufzeichnung
Miniatur aus dem Rupertsberger Codex

Hinweis: Das Werk der Hildegard von Bingen gibt einen wichtigen Einblick in die Geschichte der Medizin. Die  Ärztin und Äbtissin vermengt in weit stärkerem Maße Wissenschaft und Mythologie als ihre Vorgänger Hippokrates und Galen. Aus heutiger Perspektive sind Hildegards Rezepte für die Heilung von Krankheiten zumeist unwirksam und in einigen Fällen durchaus schädlich.

Die Vögel versinnbildlichen bei Hildegard von Bingen Kraft und Weisheit. Dem Menschen verhelfen sie zu bedachter Rede. Als Tiere der Lüfte sind sie im Guten und Schlechten Vorboten kommender Ereignisse. Ihr Gespür entnehmen sie dabei den Luftveränderungen.

Über die Eule (De Ulula)

Die nachtaktive Eule, das Wappentier Athens, war in der Antike ausschließlich mit der Weisheit verbunden. In den Überlieferungen Mitteleuropas wird sie auch zum unheilbringenden Wesen. Auch Hildegard von Bingen stützt sich auf altes Volksgut:

"Die Eule ist warm und hat die Angewohnheiten des Diebes, der den Tag kennt, ihn aber flieht und die Nacht liebt. Die anderen Vögel meidet sie weil sie ihr Wesen nicht liebt. Sie spürt den Tod des Menschen im Voraus. Sie weiß, wo Trauer bevorsteht, und eilt wie ein Leichenvogel sogleich dorthin, flieht aber, noch bevor die Trauer ausbricht. Sie ernährt sich von Dingen, die der menschlichen Natur entgegen sind. Eine Salbe aus dem Schmalz der Eule, gemischt mit einem Dekokt von Rinfarn und Baumöl, hilft paralytischen und gichtigen Menschen. (Hildegard von Bingen: Physica. De avibus)

Über die Nachtigall (De Nachtgalla)

Die neun Bücher der Physica, Hildgards Systematik der Heilkräfte

1. De Plantis. Über die Pflanzen
2. De Elementis. Über die Elemente
3. De Arboribus. Über die Bäume
4. De Lapidibus. Über die Steine
5. De Piscibus. Über die Fische
6. De Avibus. Über die Vögel
7. De Animalibus. Über die Tiere
8. De Reptilibus. Über die Reptilien
9. De Metallis. Über die Metalle

Mit Ausnahme des zweiten Buches beginnt jeder Teil mit der Praefatio, einer Vorrede, in der Hildegard von Bingen Glaubens- und Naturlehre miteinander verknüpft.

Die Nachtigall ist nicht wie die Eule das Symbol eines nahenden Unglücks, sondern der fröhliche Seite der Nacht: "Die Nachtigall ist warm, trocken und rein. Sie hat ihre Natur von der Nachtluft. Deshalb singt sie und freut sich in der Nacht mehr als am Tage. Wer verdunkelte Augen hat, soll vor Anbruch des Tages eine Nachtigall fangen. ihre Galle entleeren, eine Tautropfen hinzufügen und damit vor dem Schlaf seine Wimpern und Lider benetzen. Das wird die Verdunkelung auf wunderbare Weise von den Augen nehmen. (Hildegard von Bingen: Physica. De avibus)

Über den Schwan (De Cygno)

Leber, Lunge und Fett des Schwanes sollen gegen verschiedene Leiden nützlich sein: "Der Schwan ist kalt und Feucht, er hat etwas vom Wesen der Gans und der Ente. Er schwimmt gerne im Wasser, liebt die Erde und das Wasser mehr als die Lüfte. Sein Fleisch ist Gesunden wie Kranken ohne Nutzen. Gegen Lungenleiden soll man seine Leber gekocht essen, gegen Leiden der Milz seine gekochte Lunge. Das Fett des Schwanes ist in einer Salbe mit Beifuß und Eichenrinde gegen Ausschläge zu verwenden. Nach dem Einschmieren wird die Haut Pusteln zeigen, dann jedoch rasch heilen." (Hildegard von Bingen: Physica. De avibus)

Morgen bei aphilia: Über die Tiere