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Hinweis: Das Werk der Hildegard von Bingen gibt uns einen wichtigen Einblick in die Geschichte der Medizin. Dabei ist ersichtlich, dass die Ärztin und Äbtissin in weit stärkerem Maße Wissenschaft und Mythologie vermengt, als ihre Vorgänger Hippokrates und Galen. Aus heutiger Perspektive sind Hildegards Rezepte für die Heilung von Krankheiten zumeist unwirksam und in einigen Fällen durchaus schädlich.
Hildegard Elementelehre unterscheidet sich von der klassischen Lehre der Antike, da sie sich auf Luft, Wasser und Erde beschränkt. Den Schwerpunkt legt sie auf des Wasser, das Feuer findet aber als Element keine Erwähnung. Ausführlich beschreibt sie die Gewässer ihres Wirkungskreises: Rhein, Main, Donau, Mosel, Glan und den Fluss Nahe, an deren Mündung auch das Kloster Rupertsberg liegt. Rätselhaft ist ihre Bemerkung über die Fließrichtung des Wassers. Obwohl die Äbtissin viele Reisen unternimmt und sich als aufmerksame Beobachterin erweist, bezeichnet sie das Meer als Quelle der Flüsse: "Mare flumina flumina emittit". Womöglich spielt sie dabei auf die Verdunstung des Meerwassers an, das als Regen über den Bergen wiederkehrt. Dem widerspricht allerdings ihre präzise Darstellung über den Ursprung des Rheins, der "das Meer ungestüm verlässt".
Hildegards Überlegungen
zur Luft
beschreiben nicht nur den Treibhauseffekt, sie führen auch in
Spekulationen über die Himmelskörper und die Existenz
einer
(tatsächlich sehr geringen) Mondatmosphäre:
"Die Luft läßt die Keime in der feuchten Erde warm
werden,
damit alles grünt. Sie bringt die Blumen hervor und
läßt durch Wärme alles reifen. Die Luft in
der
Nähe des Mondes und der Sonne benetzt diese, gleich wie die
Luft
um die Erde alle Wesen gemäß ihrer Natur am Leben
erhält und bewegt." (Hildegard von Bingen: Physica. De Elementis)
Hildegard unterscheidet vier Arten von Erde: Weiße, schwarze, fuchsrote und grünliche: "Die weiße Erde ist sandig und trocken, ...und trägt Wein- und Obstbäume, aber wenig Getreide. Die schwarze Erde trägt wegen ihrer maßvollen Feuchtigkeit zwar nicht alle Früchte, aber die sie trägt sind sehr ergiebig. Dagegen trägt die rote Erde wegen ihrer Ausgewogenheit an Temperatur und Feuchtigkeit zwar sämtliche Früchte, aber wegen ihrer Fülle können sie nicht bis zur Vollendung reifen." (Hildegard von Bingen: Physica. De Elementis)
Eigenartigerweise hat die
Äbtissin über
den großen Strom ihrer Heimat nur wenig Gutes zu berichten.
Noch
viel rätselhafter ist ihre Darstellung
seines Ursprungs:
"Weil der Rhein das Meer ungestüm verläßt,
ist er
scharf wie eine Lauge. Wenn man ungekochtes Rheinwasser trinkt, zehrt
dies die schädlichen und giftigen Säfte auf. Findet
es nichts
zum reinigen vor, so zehrt es am gesunden Menschen. Speise, die in
Rheinwasser gekocht wird, entzieht es die schädlichen Stoffe.
und
macht sie so gesünder. Wenn man es sich aber beim Baden oder
Waschen über das Gesicht gießt, bläht es
das Fleisch
auf. Es läßt das Fleisch
anschwellen, schwärzt und
entstellt es. Auch Fleisch, das in ihm gekocht wird, wird
geschwärzt und aufgebläht. Das Wasser des Rheins ist
rauh und
durchdringt schnell die Haut des Menschen. Weil es so rauh ist, faulen
auch die Fische rasch, wenn man sie liegen lässt. Frisch
gefangen
sind sie jedoch sehr bekömmlich." (Hildegard von Bingen: Physica. De Elementis)