NATURWISSENSCHAFT
TEIL 1

VON 9
Hildegard von Bingen (1): Über die Pflanzen
Pflanzen | Elemente | Bäume | Steine | Fische
Vögel | Tiere | Reptilien | Metalle

Einführung in das Werk der Hildegard von Bingen

Hildegard von Bingen
Hildegard von Bingen bei der Aufzeichnung
Miniatur aus dem Rupertsberger Codex

Das Spektrum des literarischen Werkes der Hildegard von Bingen lässt sich in drei große Bereich gliedern. Der theologische Bereich umfasst die Bücher "Liber Scivias" (Wisse!), "Liber Vitae Meritorum (Buch der Lebensverdienste) und "Liber Vitae Operum" (Buch der Werke Gottes). In ihnen legt das christliche Heilsgeschehen dar und schildert ihre Kosmologie, ihr Bild vom Werden und Sein von Welt und Mensch.

"Symphonia armonie celestium revelationum" (Symphonie der Harmonie der himmlischen Erscheinungen) und das von ihr selbst komponierte Mysterienspiel Das musikalische Schaffen der Hildegard von Bingen repräsentieren die von ihr zusammengestellte Liedersammlung "Ordo Virtutum." Es entstand wohl zur Einweihung der Kirche im Kloster Rupertsberg, wo Hildegard auch die Aufführung leitete. Sowohl die Niederschrift von Büchern wie auch die kompositorische Tätigkeit sind für eine Frau des Mittelalters sehr außergewöhnlich. Dies macht deutlich, welch hohe Popularität Hildegard zu ihrer Zeit genossen haben muss.

Ihre medizinischen Schriften bilden den dritten und letzten Bereich. Sie sind im Buch "Liber Subtilitatum Diversarum Naturarum Creaturarum" (Vom inneren Wesen der verschiedenen Naturen der Lebewesn) zusammengefasst. Der heilkundliche Teil befasst sich mit Krankheiten und Hinweisen zur Lebensführung. Der naturkundliche Teil enthält in neun Büchern (der Begriff Buch entspricht unserem heutigen Kapitel) eine Systematik der Pflanzen- und Tierwelt hinsichtlich ihrer medizinischen Bedeutung. Der Kurs zu Hildegard von Bingen enthält zu jedem der neun Bücher eine kleine Einführung.

Über die Pflanzen (De Plantis)

Galen
Hildegard von Bingen
Hippokrates

Hinweis: Das Werk der Hildegard von Bingen gibt uns einen wichtigen Einblick in die Geschichte der Medizin. Dabei ist ersichtlich, dass die Ärztin und Äbtissin in weit stärkerem Maße Wissenschaft und Mythologie vermengt, als ihre Vorgänger Hippokrates und Galen. Aus heutiger Perspektive sind Hildegards Rezepte für die Heilung von Krankheiten zumeist unwirksam und in einigen Fällen durchaus schädlich.
In der Vorrede (Praefatio) ihrer ausführlichen Pflanzenkunde trennt sie die Pflanzen zur grundlegenden Ernährung von Kräutern, die den Speisen nur zugesetzt werden. Vom Genuss der wild wachsenden Pflanzen, also solchen, die sich ohne Zutun des Menschen verbreiten, rät sie ab, weil "die gemessene Zeit" zur Ernährung mit diesen fehle. Vielleicht ist dies auch als Vorsichtsmaßnahme gedacht, um Vergiftungen zu vermeiden. Denn einige jener wilden Pflanzen gleichen "als Medizin die schädlichen und kranken Säfte in den Menschen aus." (Hildegard von Bingen: Physica. De Plantis)

Die Alraune (De Mandragora)

Die neun Bücher der Physica, Hildgards Systematik der Heilkräfte

1. De Plantis. Über die Pflanzen
2. De Elementis. Über die Elemente
3. De Arboribus. Über die Bäume
4. De Lapidibus. Über die Steine
5. De Piscibus. Über die Fische
6. De Avibus. Über die Vögel
7. De Animalibus. Über die Tiere
8. De Reptilibus. Über die Reptilien
9. De Metallis. Über die Metalle

Mit Ausnahme des zweiten Buches beginnt jeder Teil mit der Praefatio, einer Vorrede, in der Hildegard von Bingen Glaubens- und Naturlehre miteinander verknüpft.

"Deus, qui hominem de limo terrae absque dolore fecisti, nunc terram istam quae nunquam transgressa est, juxta me pono ut etiam terra mea pacem illiam sentiat, sicut eam creasti". 
Übersetzung: "Gott, der du den Menschen aus dem Erdboden ohne Schmerz geschaffen hast, nun lege ich diese Erde neben mich, die niemals sündigte, damit auch mein Leib den Frieden finde, wie Du ihn geschaffen hast".

Diese Worte legt Hildegard all denjenigen ans Herz, die vom Trübsal befallen sind. Wirksam werden sie in Verbindung mit der Kraft der Alraune, einer Pflanzen, deren Wurzeln in ihrer Form rein ein wenig an die Gestalt des Menschen erinnern:

"Der Alraun ist warm, ein wenig wässrig und stammt aus der Erde, aus der auch Adam geschaffen wurde. Die Wurzel ist dem Menschen ähnlich, daher ist diese Pflanze den Einflüsterungen und Nachstellungen des Teufels mehr als alle anderen Pflanzen ausgesetzt. Wenn sie ausgegraben wird, soll sie sogleich einen Tag und eine Nacht in Quellwasser gelegt werden, damit wird alles Schlechte und Böse aus ihr gezogen, und sie verliert ihre magische Kraft. Geschieht dieses nicht, so bleibt die Erde an ihr haften, dann ist sie zu vielerlei Teufelskünsten zu gebrauchen. Wenn ein Mann infolge Zauberei oder aufgeregter Natur nicht enthaltsam ist, so nehme er die weibliche Gestalt der gereinigten Pflanze, binde sie zwischen Brust und Nabel, und trage sie drei Tage und Nächte. Dann spalte er sie und binde die Teile auf beide Lenden, drei Tage und Nächte. Er mache auch die linke Hand der Figur zu Pulver und nehme das Pulver mit etwas Kampfer. Nun wird er beruhigt. Ist es bei einer Frau der Fall, so nehme sie eine männliche Figur und verfahre ebenso. Gegen Leiden einzelner Körperteile verspeise man die selben Gliedmaßen der Figur. Gegen Leiden am Haupt das Haupt, gegen Leiden am Hals den Hals, so fahre man fort." (Hildegard von Bingen: Physica. De Plantis)

Morgen bei aphilia: Über die Elemente