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Albrecht Dürer hat in Anlehnung an die vom antiken Arzt Hippokrates entwicklelte Temperamentenlehre jedem Apostel einen bestimmen Charakter zugeordnet. Das Bild oben zeigt eine Montage der vier Gesichter. Von links nach rechts sind Johannes, Petrus, Markus und Paulus abgebildet. Johannes ist Sanguiniker, feurig, hoffnungsvoll und tatkräftig. Petrus nimmt die Rolle des ruhenden Phlegmatikers ein. Die Rolle des zornigen Cholerikers fällt Markus zu. Paulus ist in tiefgründiger Melancholie verhaftet. Das Werk stellt den letzten Höhepunkt in Dürers Schaffen dar. Der Meister verstirbt 1528, zwei Jahre nach der Fertigstellung.

Ein so wacher Geist wie Albrecht
Dürer muss die zukünftigen politischen Entwicklungen
vorausgeahnt haben.
Sein 1507 ganz im neuen, offenen Geist angefertigter
Akt von
Adam und Eva zeigt noch eine uneingeschränkte
Begeisterung für den
gesellschaftlichen Umbbruch. Doch die Wirren der
Reformation und die Verschärfungen der
religiösen Spannungen -
Luther hatte 1520 die päpstliche Bulle der
Bannandrohung
verbrannt und so endgültig mit Rom gebrochen -
veranlassen Dürer 1526 zu einer
skeptischeren
Sichtweise. In
Nürnberg sind zudem wie in anderen Städten
"Schwarmgeister" zu Werke, religiöse Eiferer mit der Vision
einer Verwirklichung des Gottesstaates auf Erden. Auch Georg Pencz, ein
Geselle Dürers, betätigt sich
politisch-religiös.
Zusammen mit den
Malerbrüdern Barthel und Hans Sebald
Seham schlließt er
sich nach einem
Nürnbergbesuch des religiösen Revolutionärs
Thomas Müntzer der radikalen Bewegung der Täufer an.
Als "die drei gottlosen Maler" werden er und seine Mitstreiter am 12.
Januar 1525 gefangen
genommen, einem Verhör unterzogen, und wegen Ketzerei aus
Nürnberg verbannt.
Dürers überlebensgroße Figuren
drücken auf dem linken Teil noch Ruhe aus: Johannes und Petrus
studieren die offene Bibel, Petrus hält einen
Schlüssel, das Symbol der Macht, fest in seiner Hand.
Im rechten Bild beherrscht der Eifer die Szenerie. Das Buch ist
geschlossen, nun sprechen die Augen des Zornes, und sie
verkünden
eine düstere Zukunft. Dürers Mahnung ist eindeutig,
er will vor unheilbringenden Lehrern warnen. Doch seine Worte werden
verhallen. Die einzelnen Scharmützel zwischen den Fraktionen
der romtreuen Christen, aufständischen Bauern,
gemäßigten Anhängern der Reformation und
radikalen Schwärmern werden sich ein Jahrhundert nach
Dürers Mahnung im 30-jährigen Krieg entladen. Die
cholerischen Eiferer sollten die Oberhand gewinnen
Phlegmatiker: Langsam, bedächtig und unpathetisch. Die Ruhe im Sturm.
Albrecht Dürer schickte die
Gemälde mit einem Schreiben vom 6. Oktober 1526 als
Geschenk in das Nürnberger Rathaus, wo sie wie von
ihm intendiert im Zentrum der Macht, der oberen Regimentsstube
aufgehängt werden. Doch der Rat der Stadt nimmt die Bilder
nicht als
Geschenk an, sondern besteht auf einem Ehrenhonorar von 100 Gulden.
In Nürnberg bleiben die Apostel nicht lange. Maximilian I.,
der
bayerische Kurfürst, setzt die Stadtväter unter
Druck und erwirkt eine Herausgabe der Bilder. Dabei war es der Wunsch
Dürers, dass sie für alle Zeit in der Stadt
blieben. Das Werk „sollte bey gemainer Statt zu sein
gedechtnuß zubehalten und in frembdte händt nit
kommen zu lassen“.
Zwischen der Werkgeschichte
von Dürers Adam und Eva und den Vier
Aposteln gibt es also ganz erstaunliche Parallelen. Beide
Werke
setzen
sich aus zwei Hälften zusammen, stellen Personen der
christlichen Überlieferung in neuer Form dar, und wurden aus
Nürnberg verschleppt. Adam und Eva sind heute
im Madrider Prado zu besichtigen, die Vier Apostel in der
Alten Pinakothek in
München.