KUNST
TEIL 6

VON 6
Albrecht Dürer (6): Die vier Apostel

Vier Apostel - vier Charaktere

Albrecht Dürer hat in Anlehnung an die vom antiken Arzt Hippokrates entwicklelte Temperamentenlehre jedem Apostel einen bestimmen Charakter zugeordnet. Das Bild oben zeigt eine Montage der vier Gesichter. Von links nach rechts sind Johannes, Petrus, Markus und Paulus abgebildet. Johannes ist Sanguiniker, feurig, hoffnungsvoll und tatkräftig. Petrus nimmt die Rolle des ruhenden Phlegmatikers ein. Die Rolle des zornigen Cholerikers fällt Markus zu. Paulus ist in tiefgründiger Melancholie verhaftet. Das Werk stellt den letzten Höhepunkt in Dürers Schaffen dar. Der Meister verstirbt 1528, zwei Jahre nach der Fertigstellung. 

Die Malerei in den Zeiten der Reformation

Albrecht Dürer
Hippokrates
Martin Luther
Maximilian I.

Albrecht Dürer hat die politische Entwicklung vorausgeahnt. Sein 1507 ganz im neuen, offenen Geist angefertigter Akt von Adam und Eva zeigt noch eine uneingeschränkte Begeisterung für den gesellschaftlichen Umbbruch. Doch die Wirren der Reformation und die Verschärfungen der religiösen Spannungen - Luther hatte 1520 die päpstliche Bulle der Bannandrohung verbrannt und endgültig mit Rom gebrochen - veranlassen Dürer 1526 zu einer skeptischeren Sichtweise. In Nürnberg sind zudem wie in anderen Städten "Schwarmgeister" zu Werke, religiöse Eiferer mit der Vision einer Verwirklichung des Gottesstaates auf Erden. Auch Georg Pencz, ein Geselle Dürers, betätigt sich politisch-religiös.
Zusammen mit den Malerbrüdern Barthel und Hans Sebald Seham schließt sich Pencz nach einem Nürnbergbesuch des religiösen Revolutionärs Thomas Müntzer der radikalen Bewegung der Täufer an. Als "die drei gottlosen Maler" werden er und seine Mitstreiter am 12. Januar 1525 gefangen genommen, einem Verhör unterzogen, und wegen Ketzerei aus Nürnberg verbannt.
Dürers überlebensgroße Figuren drücken auf dem linken Teil noch Ruhe aus: Johannes und Petrus studieren die offene Bibel, Petrus hält einen Schlüssel, das Symbol der Macht, fest in seiner Hand. Im rechten Bild beherrscht der Eifer die Szenerie. Das Buch ist geschlossen, nun sprechen die Augen des Zornes, und sie verkünden eine düstere Zukunft. Dürers Mahnung ist eindeutig, er will vor unheilbringenden Lehrern warnen. Doch seine Worte verhallen. Die einzelnen Scharmützel zwischen den Fraktionen der romtreuen Christen, aufständischen Bauern, gemäßigten Anhängern der Reformation und radikalen Schwärmern entladen sich ein Jahrhundert nach Dürers Mahnung im 30-jährigen Krieg. Die cholerischen Eiferer setzen sich durch.

Das schwierige Geschenk

(1) Portrait
(2) Naturstudien
(3) Adam und Eva
(4) Melencolia
(5) Perspektive
(6) Vier Apostel
Die Temperamentenlehre des Hippokrates

Sanguiniker:
Leichtblütig und von heiterer Grundstimmung.

Choleriker: Schnell reizbar und energisch bis zum Jähzorn.

Melancholiker:
Tief und nachdenklich, beschäftigt mit der Zukunft von sich und der Welt.

Phlegmatiker: Langsam, bedächtig und unpathetisch. Die Ruhe im Sturm.

Albrecht Dürer schickte die Gemälde mit einem Schreiben vom 6. Oktober 1526 als Geschenk in das Nürnberger Rathaus, wo sie wie von ihm intendiert im Zentrum der Macht, der oberen Regimentsstube aufgehängt werden. Doch der Rat der Stadt nimmt die Bilder nicht als Geschenk an, sondern besteht auf einem Ehrenhonorar von 100 Gulden.
In Nürnberg bleiben die Apostel nicht lange. Maximilian I., der bayerische Kurfürst, setzt die Stadtväter unter Druck und erwirkt eine Herausgabe der Bilder. Dabei war es der Wunsch Dürers, dass sie für alle Zeit in der Stadt blieben. Das Werk „sollte bey gemainer Statt zu sein gedechtnuß zubehalten und in frembdte händt nit kommen zu lassen“. 
Zwischen der Werkgeschichte von Dürers Adam und Eva und den Vier Aposteln gibt es also ganz erstaunliche Parallelen. Beide Werke setzen sich aus zwei Hälften zusammen, stellen Personen der christlichen Überlieferung in neuer Form dar, und wurden aus Nürnberg verschleppt. Adam und Eva sind heute im Madrider Prado zu besichtigen, die Vier Apostel in der Alten Pinakothek in München.  

Albrecht Dürer (6): Die vier Apostel