KUNST
TEIL 4

VON 6
Albrecht Dürer (4): Melencolia

Der Kupferstich Melencolia I

Im Alter von 43 Jahren fertigt Dürer mit seinem Kupferstich Melencolia I ein sehr allegorienreiches Werk an, dessen Interpretation bis heute nicht abgeschlossen ist.
Um das Bild zu erfassen, braucht es ein wenig Zeit, denn es tummeln sich um die große Figur rechts und die kleine Figur in der Bildmitte eine Reihe von Gegenständen und obskuren Wesen. Letztere sind nicht immer leicht zu finden. Schon der Bildtitel Melencolia I, links oben zu erkennen, wird von einem seltsamen geflügelten Tier auf einem Spruchband präsentiert. Was das Tier genau darstellen soll, ist nicht klar zu erkennen. Schon einfacher hat es der Betrachter mit dem Hund links unten. Er könnte zwar auf den ersten Blick mit einem Schaf verwechselt werden, doch das würde nicht zur Bildkomposition passen. Der Hund ist schließlich in der Welt des Mittelalters ein klassischer Begleiter es Philosophen. In seiner schläfrigen Art steht er im Einklang mit dem Bildthema der Melancholie. Doch dem Tier scheint die Gemeinschaft nicht zuträglich zu sein. Man erkennt es an den Knochen, die durch das Fell ragen - er ist dem Hungertod nahe.

Die Hauptperson

Die weibliche Hauptperson sitzt auf einer kleinen Stufe und trägt Flügel. Die mächtigen Schwingen scheinen sie aber eher zu bedrücken, als in den Himmel empor zu erheben. Denn gleichzeitig zur Flügel - Allegorie  verwendet Dürer die klassische Denkerpose für die Körperhaltung: Kopf, Arm und Knie sind aufeinander gestützt, der Gesichtsausdruck ist markant und von innerer Unruhe und Schwere geprägt. Wie bei sehr vielen Werken Dürers spielt die Augenpartie eine wichtige Rolle. Die schwarzen Ränder und der scharfe Kontrast zu den weißen Augäpfeln kennzeichnen einen suchenden Blick. Auf ihrem Haupt trägt sie einen Blätterkranz, um den die Kunsthistoriker viele Deutungen versucht haben. Möglicherweise ist er aus Heilkräutern gegen die Melancholie geflochten, vielleicht aber als allgemeines Symbol der Gelehrsamkeit gewählt. Die Bildkomposition lässt viele Schlüsse zu.  Es existiert die These, dass  Dürer wie einst Aristophanes in seinen "Wolken" die Weisheit als verspottet: Aristophanes hatte Sokrates zwischen Himmel und Erde in einem Wolkenkuckucksheim angesiedelt. Die Flügel der Figur sprechen dafür, dass Dürer auf die Tragik des antiken Philosophen Bezug nimmt - der weiseste Mensch wurde vom Athener Gericht zu Tode verurteilt.

Ein verdrießlicher Putto

Dürer: melencolia putto
Detail: Der verdrießliche Putto
Albrecht Dürer
Johann Wolfgang Goethe
Hippokrates
Sokrates

Der Putto in der Bildmitte sitzt auf einem Mühlstein. Als Unterlage hat er sich ein Tuch gegönnt, hat es also nicht ganz unbequem. Im Gegensatz zur Hauptfigur wirkt er geschäftig, freilich wenig intelligent, übellaunig, wie ein unerwünschter Begleiter. Was er da wohl schreiben mag, ob es von Belang ist? Ein Vergleich drängt sich auf: In Franz Kafkas "Schloss" gibt mannigfaltig eifrige Bürokraten, die fleißig wie sinnlos ihr Tagesgeschäft verrichten, unser Putto hätte wohl auch dort seinen Platz gehabt. Die Hauptperson würdigt ihn jedenfalls keines Blickes - und der Putto gibt diese Ignoranz zurück. Seine Augen sind gar nicht erkennbar. Zwar befindet er sich in der Mitte der Bildes, aber unser Blick prallt ab. Die Figur verweist den Betrachter auf die vielen Gegenstände um ihn herum. Doch auch diese geben dem Auge keinen Halt, zu chaotisch sind sie angeordnet. Die Puttenfiguren, wie sie Dürer auf seinen Italienreisen studiert hat, hier sind sie ins Gegenteil gedreht. Das erheiternde Antlitz ist dem verdrießlichen Blick gewichen. Unterstrichen wird dies noch durch die eigenwillige Ausleuchtung des Kupferstichs. Im Vordergund und oben links hat Dürer Licht in das Bild gelassen. Die Mitte aber bleibt dunkel.

Der Schlüssel

Dürer: melencolia Zahlenquadrat
Detail: Der Schlüsselbund
Melancholie

Nach der von Hippokrates entwickelten Temperamentenlehre unterscheiden sich die Menschen in die Typen des Sanguinikers, des Cholerikers, des Phlegmatikers und des Melancholikers. Der Melancholiker steht hierbei für die Tiefgründigkeit, Nachdenklichkeit, Skepsis und Trägheit.
Anmerkung:
Eine Temperamenttest ist hier auf  aphilia  zu finden - im Fachbereich Psycholgie.

Zum Schlüssel, der an einem Gürtel der Hauptperson herunterhängt, gibt es eine erhalten gebliebene Notiz aus einer Skizze Dürers:
"Schlüssel betewt gewalt, pewtell betewt reichtum". Die Übersetzung fällt nicht schwer: Schlüssel bedeutet Gewalt, Beutel (Geld) bedeutet Reichtum. Der Schlüsselbund hängt recht lose am Gürtel, ein Dieb könnte sich diese Gelegenheit schnell zu nutze machen. Anscheinend schätzt die Hauptperson die ihr übertragene Verantwortung gering.
Als Hüterin der Macht verweigert sie sich, das Auseinanderbrechen der Ordnung nimmt sie teilnahmslos in Kauf. Das Chaos um sie herum wird sich weiter ausbreiten.

Das Zahlenquadrat

Dürer: melencolia Zahlenquadrat
Detail: Das Zahlenquadrat

Das Zahlenquadrat rechts im Bild ist ein Meisterwerk des Mathematikers und Mystikers Dürer. Die Summe aller Geraden und Diagonalen ergeben die Zahl 34, zudem ergeben die vier Ecken 34, ebenso wie die vier zentralen Felder. Viele weitere symmetrische Anordnungen sind möglich, um die 34 zu erhalten. In der Mitte der untersten Reihe steht das Entstehungsdatum des Bildes, 1514. Dreht man die Zahl 34 um, so ergibt sich das Alter Dürers, in welchem er das Bild schuf. Die Melencolia kann so gedeutet werden, dass Dürer den gesamten Prozess der menschlichen Wissensgenerierung in Frage stellen wollte. In der Sprache von Goethes Faust hieße dies: "Und sehe, dass wir nichts wissen können". Was bleibt ist ein Chaos, ein Sammelsurium von Gegenständen, die ihren zweck nicht mehr erfüllen. Der Zirkel in der Hand der Hauptfigur, das Symbol der Astronomen, wird achtlos gehalten. Gleiches gilt für die Kugel vorne links, sie liegt scheinbar zufällig herum. Zu Füßen der Hauptperson liegen allerlei Gegenstände des Handwerks. Hobel und Säge, Richtscheit, Zange, Nägel, ein Streichmaß. Sie sind typisch für Dürers blühende Heimatstadt Nürnberg, aber nun verstreut und liegen gelassen. Die Leiter, Gerätschaft des Baumeisters, steht fern im Bildhintergrund und ist so seltsam angelehnt, dass man sie nicht erklimmen möchte.

Interpretation zum Gesamtbild

1.) Portrait
2.) Naturstudien
3.) Adam und Eva
4.) Melencolia
5.) Perspektive
6.) Vier Apostel

Dürer hat in diesem Bild auch einen Gegenpol zu seinen christlichen Allegorien geschaffen. Die Melencolia ist weltlicher Natur, und sie führt uns in ein aufgeklärtes Fegefeuer. Was Sokrates in Worte fasste, hat Dürer illustriert:
Dem menschlichen Verstand soll man nicht naiv trauen. Zur düsteren Ausgestaltung des Bildes hat sicherlich auch ein persönliches Schicksal beigetragen: Die Mutter Dürers stirbt nach schwerer Krankheit im Entstehungsjahr 1514. Das rätselhafte Bild ist 2014, nach genau 500 Jahren, noch nicht entschlüsselt.

Albrecht Dürer: 4.) Melencolia