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Im Alter von 43 Jahren fertigt
Dürer mit seinem Kupferstich Melencolia I ein
sehr allegorienreiches Werk an, dessen Interpretation bis
heute
nicht abgeschlossen ist.
Um das Bild zu erfassen, braucht es ein wenig Zeit, denn es tummeln
sich um die große Figur rechts und die kleine Figur in der
Bildmitte eine Reihe von Gegenständen und obskuren
Wesen. Letztere sind nicht immer leicht zu finden. Schon der
Bildtitel Melencolia I, links oben zu erkennen, wird von einem
seltsamen geflügelten Tier auf einem Spruchband
präsentiert. Was das Tier genau darstellen
soll, ist nicht klar zu erkennen. Schon einfacher hat es der Betrachter
mit dem Hund links unten. Er könnte zwar auf den ersten Blick
mit
einem Schaf verwechselt werden, doch das würde nicht zur
Bildkomposition passen. Der Hund ist schließlich in der Welt
des Mittelalters ein
klassischer Begleiter es Philosophen. In seiner schläfrigen
Art steht
er im Einklang mit dem Bildthema der Melancholie. Doch dem
Tier scheint die Gemeinschaft nicht zuträglich zu sein. Man
erkennt es an den Knochen, die durch das
Fell ragen - er ist dem Hungertod nahe.
Die weibliche Hauptperson sitzt auf einer kleinen Stufe und trägt Flügel. Die mächtigen Schwingen scheinen sie aber eher zu bedrücken, als in den Himmel empor zu erheben. Denn gleichzeitig zur Flügel - Allegorie verwendet Dürer die klassische Denkerpose für die Körperhaltung: Kopf, Arm und Knie sind aufeinander gestützt, der Gesichtsausdruck ist markant und von innerer Unruhe und Schwere geprägt. Wie bei sehr vielen Werken Dürers spielt die Augenpartie eine wichtige Rolle. Die schwarzen Ränder und der scharfe Kontrast zu den weißen Augäpfeln kennzeichnen einen suchenden Blick. Auf ihrem Haupt trägt sie einen Blätterkranz, um den die Kunsthistoriker viele Deutungen versucht haben. Möglicherweise ist er aus Heilkräutern gegen die Melancholie geflochten, vielleicht aber als allgemeines Symbol der Gelehrsamkeit gewählt. Die Bildkomposition lässt viele Schlüsse zu. Es existiert die These, dass Dürer wie einst Aristophanes in seinen "Wolken" die Weisheit als verspottet: Aristophanes hatte Sokrates zwischen Himmel und Erde in einem Wolkenkuckucksheim angesiedelt. Die Flügel der Figur sprechen dafür, dass Dürer auf die Tragik des antiken Philosophen Bezug nimmt - der weiseste Mensch wurde vom Athener Gericht zu Tode verurteilt.

Der Putto in der Bildmitte sitzt auf einem Mühlstein. Als Unterlage hat er sich ein Tuch gegönnt, hat es also nicht ganz unbequem. Im Gegensatz zur Hauptfigur wirkt er geschäftig, freilich wenig intelligent, übellaunig, wie ein unerwünschter Begleiter. Was er da wohl schreiben mag, ob es von Belang ist? Ein Vergleich drängt sich auf: In Franz Kafkas "Schloss" gibt mannigfaltig eifrige Bürokraten, die fleißig wie sinnlos ihr Tagesgeschäft verrichten, unser Putto hätte wohl auch dort seinen Platz gehabt. Die Hauptperson würdigt ihn jedenfalls keines Blickes - und der Putto gibt diese Ignoranz zurück. Seine Augen sind gar nicht erkennbar. Zwar befindet er sich in der Mitte der Bildes, aber unser Blick prallt ab. Die Figur verweist den Betrachter auf die vielen Gegenstände um ihn herum. Doch auch diese geben dem Auge keinen Halt, zu chaotisch sind sie angeordnet. Die Puttenfiguren, wie sie Dürer auf seinen Italienreisen studiert hat, hier sind sie ins Gegenteil gedreht. Das erheiternde Antlitz ist dem verdrießlichen Blick gewichen. Unterstrichen wird dies noch durch die eigenwillige Ausleuchtung des Kupferstichs. Im Vordergund und oben links hat Dürer Licht in das Bild gelassen. Die Mitte aber bleibt dunkel.

Zum
Schlüssel, der an einem Gürtel der Hauptperson
herunterhängt, gibt es eine erhalten gebliebene Notiz aus
einer Skizze Dürers:
"Schlüssel betewt gewalt, pewtell betewt reichtum". Die
Übersetzung fällt nicht schwer: Schlüssel
bedeutet
Gewalt, Beutel (Geld) bedeutet Reichtum. Der Schlüsselbund
hängt recht lose am Gürtel, ein Dieb könnte
sich diese
Gelegenheit schnell zu nutze machen. Anscheinend schätzt die
Hauptperson die ihr übertragene Verantwortung gering.
Als Hüterin der Macht verweigert sie sich, das
Auseinanderbrechen der Ordnung nimmt sie teilnahmslos in Kauf. Das
Chaos um sie herum wird sich weiter ausbreiten.

Das Zahlenquadrat rechts im Bild ist ein Meisterwerk des Mathematikers und Mystikers Dürer. Die Summe aller Geraden und Diagonalen ergeben die Zahl 34, zudem ergeben die vier Ecken 34, ebenso wie die vier zentralen Felder. Viele weitere symmetrische Anordnungen sind möglich, um die 34 zu erhalten. In der Mitte der untersten Reihe steht das Entstehungsdatum des Bildes, 1514. Dreht man die Zahl 34 um, so ergibt sich das Alter Dürers, in welchem er das Bild schuf.

Die Melencolia kann so gedeutet
werden, dass Dürer den gesamten Prozess der menschlichen
Wissensgenerierung in
Frage stellen wollte. In der Sprache von Goethes Faust hieße
dies: "Und sehe, dass wir nichts wissen können". Was bleibt
ist
ein Chaos, ein Sammelsurium von Gegenständen, die ihren zweck
nicht mehr erfüllen. Der Zirkel in der Hand der Hauptfigur,
das Symbol der Astronomen, wird achtlos gehalten. Gleiches
gilt für die Kugel vorne links, sie liegt scheinbar
zufällig
herum. Zu Füßen der Hauptperson liegen allerlei
Gegenstände des Handwerks. Hobel und Säge,
Richtscheit, Zange, Nägel, ein Streichmaß. Sie sind
typisch für Dürers blkühendes
Nürnberg, aber
nun verstreut und liegen gelassen. Die Leiter,
Gerätschaft des Baumeisters, steht fern im Bildhintergrund und
ist so seltsam angelehnt, dass man sie nicht erklimmen
möchte.
Dürer hat in diesem Bild auch einen Gegenpol zu seinen
christlichen Allegorien geschaffen. Die Melencolia ist weltlicher
Natur, und sie führt uns in ein
aufgeklärtes Fegefeuer. Was Sokrates in Worte fasste,
hat Dürer illustriert: Dem menschlichen Verstand
soll man nicht naiv trauen. Zur düsteren Ausgestaltung des
Bildes hat sicherlich auch ein
persönliches Schicksal beigetragen: Die Mutter Dürers
stirbt nach schwerer Krankheit im Entstehungsjahr 1514.