KUNST
TEIL 3

VON 6
Albrecht Dürer (3): Adam und Eva

Adam und Eva

"Was Schönheit ist, das weiß ich nicht". Dieses Zitat von Albrecht Dürer steht wie kein anderes für seinen Drang nach Perfektionismus in der Darstellung des Menschen. 1507 gelingt ihm ein großformatiger Akt (Öl auf Kiefer), der im Raum nördlich der Alpen bis dahin einzigartig ist. Die beiden 209 x 81 bzw. 83 cm großen Tafeln beginnt und vollendet er 1507, noch ganz im Eindruck seiner Italienreise. Dürer hebt das Bild aus dem traditionellen christlichen Kontext heraus. Seine Darstellung zeigt zwar detailreich die Übertretung des göttlichen Verbotes, vom Baum der Erkenntnis zu speisen, doch die gesamte Szenerie verweist deutlich auf ein zweites Motiv: Eva, die von der Schlange zum Naschen der verbotenen Frucht verleitet wurde, spielt mit ihren erotischen Reizen. Was hatte der Meister nun mit dieser Akzentverschiebung im Sinn? Dürer lebt in einer Umbruchszeit, in einer Zeit der Verwerfung der alten, mittelalterlichen Welt mit ihrer ganzen Strenge und dem absoluten Deutungsanspruch der Kirche.

Albrecht Dürer
Innozenz III.

Die neuen gesellschaftlichen Strömungen seiner Zeit heißen Renaissance und Reformation. Dürer vermengt in Adam und Eva beides. Die Renaissance, also die Wiedergeburt der nicht nur in künstlerischer Hinsicht freieren Antike, trifft auf eine neue christliche Bewegung, die die Auslegung der biblischen Überlieferung nicht mehr ausschließlich den kirchlichen Amtsträger überlässt. Im hohen Mittelalter war es für die Christen zeitweise mit einer Gefahr von Leib und Leben verbunden, die Bibel "ohne Mandat" in die Hand zu nehmen. Der Papst und Kreuzzügler Innozenz III. hatte in seinem Kampf gegen die Glaubensrichtungen der Waldenser und der Katharer im Jahr 1199 das Verbot der Bibellektüre bei nichtkirchlichen Treffen erlassen. Allen Laien wurde der Besitz von Bibelübersetzungen verboten. Zwischen der Welt von Innozenz und Albrecht Dürer liegen mehr als nur 300 Jahre.

Der Fall des Menschen

Der Baum der Erkenntnis

Nach dem Alten Testament setzte,  Gott Adam in den Garten Eden, und d sprach: „Iß von jedem Baum im Garten, mit Ausnahme des Baumes der Erkenntnis von Gut und Böse, denn wenn du von diesem ißt, wirst du sterben.“ Dann versenkte Gott Adam in Schlaf, nahm eine seiner Rippen und  erschuf Eva als Gefährtin. Die Schlange sprach zu Eva:
„Gott hat euch verboten vom Baum zu essen, damit eure Augen nicht aufgetan werden und damit ihr nicht Gut von Böse unterscheiden könnt.“ Darauf aß Eva vom Baum und gab Adam, der ebenfalls aß; ihre Augen wurden aufgetan, sie wurden gewahr, dass sie nackt waren und bedeckten sich mit Blättern. Als Folge dieser Tat wurden sie von Gott getadelt. Er sagte zu Adam: „Hast du vom verbotenen Baum gegessen?“ Adam antwortete: „Eva hat mich verleitet, und ich aß.“ Gott tadelte dann Eva, und sie sprach: „Die Schlange hat mich verleitet, und ich aß.“ Dafür wurde die Schlange verflucht.

Die Schuld am Sündenfall fällt allerdings auch bei Dürer der Eva zu. Ihr Blick zeigt, dass sie sich der Schwere des Vorfalls und der Erwartung einer Strafe durchaus bewusst ist: Das ideale, ungetrübte Verhältnis zwischen Schöpfer und Mensch wird zuende sein. Die anmutige Schönheit Eva zeigt schon Sorgenfalten im Gesicht. Ihr gestreckter Zeigefinger wirkt auffordernd, gleichzeitig auch mahnend. Sie führt mit ihrer Hand den Ast des Baumes in Adams Richtung, will ihm den Tabubruch erleichtern, ihn aber auch beteiligen, mitschuldig machen. Adams Hände hingegen spiegeln Zögern und Zurückhaltung wider.
Die verführende Haltung Evas und die noch unentschiedene Haltung Adams sprechen den Betrachter unmittelbar an. Er erwartet gespannt auf die Entscheidung Adams. Das Bild strömt eine ungeheure Dynamik aus. Unterstützt wird dies durch die Aufteilung in zwei Hälften. Man spürt, wie Adam aus seiner Hälfte heraustreten möchte, um Evas Verlangen nachzukommen.

Dürers Reminiszenz an die italienischen Meister

Bei einem Vergleich zwischen Sandro Botticellis Venus und Albrecht Dürers Eva fällt auf, wie eigenwillig Dürer die italienische Verspieltheit in unsere kühleren Breiten nördlich der Alpen übertragen hat. Siehe hierzu die Bildmontage unten! Botticellis Venus zeigt sich der Welt entrückt und idealisiert. Ihre Brust hält sie vor den Blicken mit der Hand bedeckt.
Dürers Eva karikiert Boticellis Venus geradezu. Auch ihre Haare wehen im Wind, allerdings in einer anderen Richtung. Er übernimmt auch eine Strähne die auf der "Windseite" vor dem Hals auf die Brust herunterhängt: Bei Venus ist diese Strähne füllig, bei Eva besteht sie nur aus wenigen Haaren. Auch Evas Kopf ist zur Seite geneigt, allerdings etwas geringer. Ihre Brust zeigt Eva offen und selbstbewusst.
Dürers Schönheit ist nicht entrückt, sondern entspricht einer Portraitzeichnung, wie sie der Nürnberger Meister in seiner Heimatstadt reichlich angefertigt hat. Botticellis Venus bleibt dem Mythos auch dann verbunden, wenn ihr Gesicht isoliert betrachtet wird. Dürers Eva wird dagegen ohne den biblischen Kontext zur Frau von nebenan.

Adam und Eva auf Reisen

1.) Portrait
2.) Naturstudien
3.) Adam und Eva
4.) Melencolia
5.) Perspektive
6.) Vier Apostel

Albrecht Dürers lebensgroße Aktbilder befinden sich nach seinem Tod zunächst im Rathaus zu Nürnberg, von dort gelangen sie später nach Prag. Während des 30-jährigen Krieges werden sie als Beute der Schweden nach Stockholm gebracht. 1654 werden sie von der schwedischen Königin Christiana an das spanische Königshaus zu Phillip IV. weitergegeben. Heute kann das Werk im Madrider Prado besichtigt werden. 

Albrecht Dürer: 3.) Adam und Eva