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"Was Schönheit ist, das weiß ich nicht". Dieses Zitat von Albrecht Dürer steht wie kein anderes für seinen Drang nach Perfektionismus in der Darstellung des Menschen. 1507 gelingt ihm ein großformatiger Akt (Öl auf Kiefer), der im Raum nördlich der Alpen bis dahin einzigartig ist. Die beiden 209 x 81 bzw. 83 cm großen Tafeln beginnt und vollendet er 1507, noch ganz im Eindruck seiner Italienreise. Dürer hebt das Bild aus dem traditionellen christlichen Kontext heraus. Seine Darstellung zeigt zwar detailreich die Übertretung des göttlichen Verbotes, vom Baum der Erkenntnis zu speisen, doch die gesamte Szenerie verweist deutlich auf ein zweites Motiv: Eva, die von der Schlange zum Naschen der verbotenen Frucht verleitet wurde, spielt mit ihren erotischen Reizen. Was hatte der Meister nun mit dieser Akzentverschiebung im Sinn? Dürer lebt in einer Umbruchszeit, in einer Zeit der Verwerfung der alten, mittelalterlichen Welt mit ihrer ganzen Strenge und dem absoluten Deutungsanspruch der Kirche.
Die neuen gesellschaftlichen
Strömungen seiner Zeit heißen Renaissance und
Reformation. Dürer vermengt in Adam und Eva beides. Die
Renaissance, also die Wiedergeburt der nicht nur in
künstlerischer Hinsicht freieren Antike, trifft auf eine
neue christliche Bewegung, die die Auslegung der biblischen
Überlieferung nicht mehr ausschließlich den
kirchlichen
Amtsträger überlässt. Im hohen Mittelalter
war es für die Christen
zeitweise
mit einer Gefahr von Leib und Leben verbunden, die Bibel "ohne
Mandat" in die Hand zu nehmen.
Der Papst und Kreuzzügler Innozenz III. hatte in
seinem Kampf gegen die Glaubensrichtungen der Waldenser und der
Katharer im Jahr 1199 das Verbot der Bibellektüre bei
nichtkirchlichen Treffen erlassen. Allen Laien wurde der
Besitz von Bibelübersetzungen verboten. Zwischen der Welt von
Innozenz und Albrecht Dürer liegen mehr als nur 300 Jahre.
Die Schuld am Sündenfall fällt allerdings auch bei
Dürer der Eva zu. Ihr Blick zeigt, dass sie sich der
Schwere
des Vorfalls und der Erwartung einer Strafe durchaus bewusst ist: Das
ideale,
ungetrübte Verhältnis zwischen Schöpfer und
Mensch wird zuende sein. Die anmutige Schönheit Eva zeigt
schon Sorgenfalten im Gesicht. Ihr
gestreckter Zeigefinger wirkt auffordernd, gleichzeitig auch
mahnend. Sie führt mit ihrer Hand den
Ast des Baumes in Adams Richtung, will ihm den Tabubruch erleichtern,
ihn aber auch beteiligen, mitschuldig machen. Adams
Hände hingegen spiegeln Zögern und
Zurückhaltung wider.
Die verführende Haltung Evas und die noch unentschiedene
Haltung
Adams sprechen den Betrachter unmittelbar
an. Er erwartet gespannt auf die Entscheidung Adams. Das
Bild strömt eine ungeheure Dynamik aus.
Unterstützt wird dies durch die Aufteilung in zwei
Hälften. Man spürt, wie Adam aus seiner
Hälfte heraustreten möchte, um Evas Verlangen
nachzukommen.
Bei einem Vergleich zwischen
Sandro Botticellis Venus und Albrecht Dürers Eva
fällt auf, wie
eigenwillig Dürer die italienische
Verspieltheit in unsere kühleren Breiten nördlich der
Alpen übertragen hat. Siehe hierzu die Bildmontage unten!
Botticellis Venus zeigt sich der Welt entrückt
und idealisiert. Ihre Brust hält sie vor den
Blicken mit der Hand bedeckt.
Dürers Eva karikiert Boticellis Venus geradezu. Auch ihre
Haare wehen im Wind, allerdings in einer anderen
Richtung. Er übernimmt auch
eine Strähne die auf der "Windseite" vor dem Hals auf
die Brust herunterhängt: Bei Venus ist diese Strähne
füllig, bei Eva besteht sie nur aus wenigen Haaren. Auch Evas
Kopf ist zur Seite geneigt, allerdings etwas geringer. Ihre
Brust zeigt Eva offen und selbstbewusst.
Dürers Schönheit ist nicht
entrückt, sondern entspricht einer Portraitzeichnung, wie sie
der Nürnberger Meister in seiner Heimatstadt reichlich
angefertigt hat. Botticellis Venus bleibt dem Mythos auch
dann verbunden, wenn ihr Gesicht isoliert betrachtet wird.
Dürers Eva wird dagegen ohne den biblischen Kontext zur Frau
von nebenan.
Albrecht Dürers lebensgroße Aktbilder befinden sich nach seinem Tod zunächst im Rathaus zu Nürnberg, von dort gelangen sie später nach Prag. Während des 30-jährigen Krieges werden sie als Beute der Schweden nach Stockholm gebracht. 1654 werden sie von der schwedischen Königin Christiana an das spanische Königshaus zu Phillip IV. weitergegeben. Heute kann das Werk im Madrider Prado besichtigt werden.