Kunst
TEIL 2

VON 6
Albrecht Dürer (2): Naturstudien

Dürers Naturstudien

Der "Feldhase" ist sicherlich die bekannteste Naturstudie von Albrecht Dürer. Gleich auf den ersten Blick schmeichelt das Bild dem Auge. Gleichzeitig erscheint es wenig originell, fast naiv, wirkt eher wie ein sorgfältig gezeichnetes Bild für ein illustriertes Tierlexikon. Was also ist eigentlich das Besondere an diesem Bild? Oder ist es gar überschätzt?
Der Reiz des Bildes liegt in der Spannung zwischen Objekt und Darstellung. Normalerweise ist der Hase ein unruhiges Tier. Wer ihm beobachtet, sieht ihn in rennen und Haken schlagen. Dürer aber hat es geschafft, aus dem Hasen eine Art Stillleben im Freien zu zaubern. Das Tier scheint sich dem Willen des Künstlers und natürlich auch des Betrachers zu beugen, einen Moment inne zu halten.
Ein Auge und einen Löffel hat uns das scheue Tier sogar zugewandt: Vom Betrachter aus links gesehen blickt uns ein Auge an, auch der linke Löffel ist abgeknickt. Der Hase nimmt uns wahr, und dadurch zieht uns in seinen Bann. Seine Läufe ruhen, aber sein Buckel zeigt uns, dass er zum Sprung bereit ist. Ruhe und Dynamik sind auf meisterliche Weise vereint, und der Zustand der Ruhe scheint jederzeit umschlagen zu können.
Die lebensnahe Darstellung glänzt durch Detailfreude. Das Haarkleid ist sein fein und rhythmisch ausgearbeitet, trotz des kurz angesetzten Pinselstrichs. Das Dreiviertelprofil gibt viel Preis. Die feinen Fibrillen des Auges heben sich - vom Betrachter rechts gesehen - vor dem neutral gehaltenen Hintergrund gut ab, ebenso die langen Wahrnehmungsorgane um das Maul. Dürer schafft in seinem Bild des Feldhasen einen gelungenen Spagat zwischen anatomischer Exaktheit und andächtiger Naturbetrachtung. 

Ein Hase im Fensterkreuz

Albrecht Dürer
Leonardo da Vinci

Das Schöne an den Werken Dürers ist, dass sie der Nachwelt immer wieder neue Rätsel aufgeben. Die Zunft der Kunstgeschichtler zehrt hiervon gerne! Im linken Auge des Hasen befindet sich die Spiegelung eines Fensterkreuzes. Recht deutlich sind links und rechts zwei helle Fensterflügel zu erkennen. Zumindest der rechte Flügel scheint noch einmal in ein oberes und ein unteres Fenster geteilt zu sein sein. Die Botschaft des Fensterkreuzes ist bis heute unklar.

Von der Ästhetik zur Zoologie

1.) Portrait
2.) Naturstudien
3.) Adam und Eva
4.) Melencolia
5.) Perspektive
6.) Vier Apostel
Kunst und Wissenschaft 

Wie Leonardo da Vinci erhebt auch Dürer die Forderung nach einer Aufhebung der Trennung von Kunst und Wissenschaft.
Sein persönlicher Beitrag besteht darin, den analysierenden Blick auf die Dinge herauszufordern.
Im Unterschied zu Leonardo da Vinci seziert er seine Objekte dabei nicht, sondern lässt das Gefüge existent.

Die Studien im Spannungsfeld zwischen der wissenschaftlich exakten Darstellung und dem Naturgemälde, das die Ehrfurcht vor dem Leben erhöht, verweisen auf Dürers behutsames Vorgehen. Er tastet sich vorsichtig an ein Objekt heran, beginnt mit der Ästhetik (griech: Wahrnehmung) des Ganzen und führt langsam in die Welt der Naturwissenschaft hinüber. Dabei bewahrt er sich stets eine letzte Distanz, er versucht die Annäherung, ohne Besitz zu ergreifen. Er präsentiert seine Tiere nicht ausgestopft, er lässt sie am Leben. Trotzdem gelingt ihm eine ungemein naturgetreue Darstellung, die allen Kriterien eines Zoologen gerecht wird. Und Dürer ist Humanist im wortsinn. Den Menschen alleine hebt er über die Tier- und Pflanzenwelt empor. Den Blick für das Subjektive reserviert er für auf die Menschheit. Der Feldhase bleibt ein beliebiges Muster seiner Gattung.

Albrecht Dürer: 2.) Naturstudien