Kunst
TEIL 1

VON 6
Albrecht Dürer (1): Portrait

Dürers Blick auf sich selbst

Das Nürnberger Universalgenie Albrecht Dürer ist heute vor allem als Maler, Zeichner und Kupferstecher bekannt. Tatsächlich übte er mit großem Erfolg noch eine ganze Reihe weiterer Tätigkeiten aus: Er publizierte Bücher zur Kunst, zur Kunsttheorie und insbesondere zur Technik der Perspektive, er betrieb Mathematik und er interessierte sich für die Astronomie. Glücklicherweise hat er alle seine Leidenschaften in seine Werke einfließen lassen.
Anhand Dürers Bilder erschließen eine Welt, nicht nur das Auge des Kunsthistorikers fasziniert, es ist eine Welt voller Symbolik, Mystik, Psychologie, Natur und Aha - Erlebnissen. Dürers Schaffen markiert den Übergang von der Spätgogik zur Renaissance. Der Nürnberger ist in beiden Welten zuhause, in der strengen wie in der avantgardistischen.
Auf seinen Italienreisen hat er sich Techniken und Inspirationen angeeignet, nicht aber die italienischen Meister kopiert. Sein Stil bleibt trotz aller Vielfältigkeit in Technik und Motiv immmer eigen. Es ist diese spezielle Liaison aus deutscher Gründlichkeit und italienischer Verspieltheit, die Dürer so einzigartig macht. Dieser Kurs ist als kleiner Streifzug durch Dürers Welt konzipiert, und selbstverständlich als Anregung, sich die Gemälde einmal im Original zu betrachten.
Das Bild links zeigt ein repräsentatives Selbstportrait, das Dürer im Alter von 26 Jahren anfertigte. Die Kleidung verweist darauf, dass es der Maler zu Wohlstand gebracht hat. Die schicke Mütze entspricht der italienischen Renaissance-Mode, die Hände sind in feinstes Wildleder gehüllt. Das offene Gewand im venezianischen Stil signalisiert ein gesundes Selbstbewusstsein. Hier ist kein Nürnberger Handwerker zu sehen, sondern ein weltmännischer Künstler. Die Berge im Hintergrund verweisen auf die Alpen, hinter denen Italien, das Eldorado der Kunst zu finden ist. Dürer hat dort geschürft und verheißt, dass er das Gefundene nicht für sich behalten wird.

Der schiefe Blick 

Albrecht Dürer
Jacob Fugger
Leonardo da Vinci
Martin Luther

Doch Dürers Stil wirkt niemals idealisiert oder gar verherrlichend. Der Nürnberger zeigt auf fast allen seiner Werke einen Hauch von Distanz oder Selbstironie. In seinem Portait von 1498 muss man freilich sehr genau hinsehen, um dieses Markenzeichen zu erkennen. Es ist wie auch auf vielen andern Werken Dürers in der Augenpartie zu finden: Der Blick Dürers ist unregelmäßig, seine Augen scheinen fast zu schielen. Die vom Betrachter aus gesehen linke Pupille tritt ein Stück weit hinter das Lid zurück. Hinter der Fasssade des Italienkenners zeigt sich der Charakter des Mitteleuropäers. Er genießt an der Oberfläche -  doch darunter führt er einen inneren Monolog. Dürers gepflegte, goldfarbene Lockenpracht gibt ein Gesicht frei, das nicht auf italienische Weise entrückt ist. Es liegt ein Schimmer von Melancholie im Blick des 26-jährigen. Zu diesem Charakterzug wird er in späteren Jahren ein sehr rätselhaftes Werk unter dem Titel Melencolia I schaffen.

Dürers Portaitkunst

Dürerrs Eltern, Fugger und Elisabeth Tucher
Oben Dürers Mutter und Vater. Unten Jacob Fugger und Elsbeth Tucher

Wo Dürer nicht slch selbst abbildete, ist seine Portaitkunst zweifelsohne vom Naturalismus der niederländischen Malerei inspiriert. Seine Darstellungen sind von geradezu unerbittlicher Sachlichkeit.
In der oberen Bildreihe links ist seine Mutter dargestellt, Dürer fertigte es zwischen 1490 und 1493 an. Zu sehen ist es heute im Germanischen Nationalmuseum zu Nürnberg. 1479 portraitierte er seinen Vater, Albrecht Dürer den Älteren. Das Bild befindet sich in der National Gallery in London.
In der zweiten Reihe befindet sich der Zeitgenosse Jakob Fugger (1459-1529). Der Kaufmann und Bankier zählte damals zu den reichsten Männer der Welt. Seine Kopfbedeckung ist ganz standesgemäß, trägt er doch ein schlichtes aber goldenes Haarnetz. Das Bild befindet sich in bayerischem Staatsbesitz und hat in der Staatsgalerie der Altdeutschen Meister in der ehemaligen Katharinenkirche zu Augsburg seinen Stammplatz.
Den Inbegriff des deutschen Geldes im 20. Jahrhunderts repräsentiert die Dame unten rechts. Es handel sich um die Kaufmannsfrau Elsbeth Tucher, deren Konterfei seit 1961 auf den 20-DM-Scheinen der Deutschen Bundesbank abgebildet war. Dürer fertigte das Portrait 1499 an. Zu sehen ist es heute im Hessischen Landesmuseum in Kassel.
Die Mitglieder der einflussreiche Patrizierfamilie Tucher waren Stammgäste in Dürers Werkstatt. Portaits gibt es auch von Hans Tucher, Nikolaus Tucher, Felicitas Tucher und Linhart Tucher. Kunst und Kommerz bilden im Nürnberg der Renaissance ein ähnliches Tandem wie in Italien. Und wie die Sforzas und Medicis in Italien sorgen die Tuchers und andere Familien dafür, dass die Kunst auf eine finanziell eigenständige Basis gestellt wird und sich so vom bloßen Handwerk emanzipieren kann.

Dürers Ausbildung und Werdegang

1.) Portrait
2.) Naturstudien
3.) Adam und Eva
4.) Melencolia
5.) Perspektive
6.) Vier Apostel
Dürers Lehrer Michael Wolgemut

Michael Wolgemut war vor Dürers Auftreten der bedeutenste Künstler in der Metropole Nürnberg. Bekannt wurde er unter anderem durch die Anfertigung von Illustrationen für die Schedel'sche Weltchronik von 1493. Hierzu benutzte er die Technik des Holzschnitts. Dürers  wohl berühmtester Holzschnitt, die "Darstellung des liegenden Weibes" veranschaulicht die Technik der perspektivischen Zeichnung auf sehr pikante Weise.

Dürers Startbedingungen sind ideal. Seine Geburtsstadt Nürnberg gehört zu den wichtigsten und in künstlerischer Hinsicht angesehensten Städten im Reich. Für Dürers Zeitgenossen Martin Luther ist sie schlichtweg das "Auge und Ohr Deutschlands".  In der Werkstatt seines Vaters, eines Goldschmieds aus Ungarn, verbringt er seine Lehrjahre. Seine ersten Werke sind noch im spätgotischen Stil, schnell bekannt werden seine Kupferstiche. Aber auch Holzschnitte, Zeichnungen und monumentale Gemälde gehören zu den Techniken, die Dürer, der "Meister der nördlichen Renaissance" perfektioniert hat. Er steht wie Raffael und Leonardo da Vinci für den universellen Künstler, der die Kunst nicht nur vom Handwerk emanzipiert, sondern zur mit der Wissenschaft gleichrangigen Tätigkeit erhebt. Dürers Familie stirbt mit dem Meister aus. Von seinen Brüdern ist nur wenig bekannt. Albrecht heiratet 1494 Agnes Frey, die aus einer alteingesessenen Nürnberger Familie stammt. Die Ehe bleibt kinderlos. 

Albrecht Dürer: 1.) Das Portrait