ARCHÄOLOGIE
Lektion

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Der Stein von Rosetta (3): Die Priester von Memphis
Stein von Rosetta
Der Stein von Rosetta

Der Stein von Rosetta - Zeile 9 bis 15

(9) Der König Ptolemaios, der ewig lebt, geliebt von Ptah, der Gott Epiphanes Eucharistos, der Sohn des Königs Ptolemaios und der Königin Arsinoe, der Götter Philopatores, ist ein Wohltäter sowohl der Tempel und
(10) Deren Bewohner als auch aller anderen gewesen, die seine Untertanen sind. Er ist ein Gott,
entstanden aus einem Gott und einer Göttin (und)
(11) den Göttern wohlgesinnt. Er hat den Tempeln Einkünfte an Geld und Getreide geschenkt, er hat große Summen aufgewandt, um Ägypten zum Wohlstand zu verhelfen und die Tempel zu versorgen,
(12) und er ist mit seinen eigenen Mitteln freigebig umgegangen; und er hat einige Abgaben und Steuern erlassen, die in Ägypten erhoben wurden, und andere hat er ermäßigt, damit das Volk und alle anderen
(13) während seiner Herrschaft in Wohlstand leben mögen; und er hat die Schulden an die Krone erlassen, viele an der Zahl, die in Ägypten und dem übrigen Königreich noch zu bezahlen waren; und diejenigen, welche
(14) im Gefängnis saßen, und diejenigen, welche schon seit langer Zeit unter Anklage standen, hat er von allem befreit, was ihnen zur Last gelegt worden war; und er hat bestimmt, dass die Götter weiterhin an den Einkünften der Tempel und den jährlichen Zuwendungen an dieselben, sowohl an
(15) Getreide als auch an Geld, teilhaben sollen, desgleichen auch an den ihnen zugeteilten Einkünften aus dem Rebland und den Gärten und den anderen Ländereien, die zu seines Vaters Zeit den Göttern gehörten;

Kommentar zu Zeile 9 bis 15

Die ägyptischen Götter

Neben dem Sonnengott Re bilden  Isis und Osiris zentrale Figuren der ägyptischen Götterwelt. Osiris wird von seinem Bruder Seth ermordet und in den Nil geworfen. Seine Frau Isis ruht nicht eher, bis sie den Leichnam des Geliebten wiederfindet und dadurch seine Seele rettet. Die Sage macht Osiris zum Gott der Toten. Der Sohn von Isis und Osiris, der falkenköpfige Horus, wird zum Schutzgott der Monarchie.

Zeile 9 knüpft nahtlos an die Zeilen 1 bis 8 (letzter Kursteil) an. Der Herrscher Ptolemaios (Ptolemäus) verkündet der Priesterschaft von Ägypten ein Dekret. Seine eigene Person setzt er darin mit den Göttern gleich. In Zeile 10 spielt auf den falkenköfigen Horus an, den Sohn von Göttin Isis und Gott Osiris. Als der Stein beschrieben wird, ist König Ptolemäus V., der fünfte Pharao (König) der ptolemäischen Dynastie im neunten Jahr seiner Herrschaft. Hauptstadt Ägyptens ist die von Alexander dem Großen gegründete Metropole Alexandria, ein weltoffener Platz, an dem Handel, Kultur und Wissenschaft blühen. Das Zentrum der mächtigen Priesterkaste ist aber die alte Hauptstadt Memphis. Das Dekret soll die Einheit des Landes sichern.

Der Stein von Rosetta - Zeile 16 bis 28

(16) und er hat ferner bestimmt, dass in Bezug auf die Priester diese keine höheren Gebühren bei der Zulassung zum Priesteramt zu entrichten haben, als was ihnen während der Herrschaft seines Vaters und bis zum ersten Jahr seiner eigenen Herrschaft auferlegt war; und er hat die Mitglieder der
(17) Priesterorden von der Pflicht entbunden, einmal jährlich nach Alexandrien zu reisen; und er hat bestimmt, dass niemand mehr zum Dienst in der Flotte gepresst werden dürfe; und die Steuer auf Byssusgewebe, die die Tempel an die Krone bezahlten,
(18) hat er um zwei Drittel ermäßigt; und welche Dinge auch immer in früherer Zeit vernachlässigt worden waren, hat er wieder in ihre gute Ordnung versetzt, da er darum besorgt war, wie die althergebrachten Pflichten gegenüber den Göttern gemäß den Gebräuchen wieder erfüllt werden könnten;
(19) und ebenso hat er allen gleich Gerechtigkeit widerfahren lassen, wie Hermes der Große; und er hat verfügt, dass den Angehörigen des Kriegerstandes, die zurückkehren, und anderen, die
(20) in den Tagen des Aufruhrs übelgesinnt waren, erlaubt würde, bei Rückkehr ihre früheren Besitztümer wieder an sich zu nehmen; und er traf Maßnahmen, dass Reiterei und Fußtruppen und Schiffe gegen diejenigen ausgesandt würden, die
(21) über das Meer und, vom Land her in Ägypten eingedrungen waren, und er wandte große Summen Geldes und Mengen an Getreide auf; damit die Tempel und alle anderen im Lande in Sicherheit seien; und
(22) er zog nach Lycopolis im Gau Busirus, das besetzt und gegen eine Belagerung befestigt und mit einem reichlichen Vorrat an Waffen und allen anderen Notwendigkeiten versehen war sah, dass schon lange Unzufriedenheit
(23) unter den gottlosen Feinden herrschte, die sich darin versammelt und den Tempeln und allen Einwohnern Ägyptens großen Schaden zugefügt hatten, und er
(24) schlug gegenüber ein Feldlager auf, er umgab die Stadt mit Wällen und Gräben und sorgfältig ausgeführten Befestigungen; als der Nil im achten Jahr stark anstieg, was gewöhnlich zur Überschwemmung
(25) des flachen Landes führt, verhinderte er das, indem er an vielen Stellen die Ausgänge der Kanäle mit Dämmen absperrte, und er stellte Reiter und Fußtruppen auf;
(26) um sie zu bewachen; nach kurzer Zeit nahm er die Stadt im Sturm und vernichtete alle gottlosen Feinde in ihr, gleich wie Hermes und Horus, der Sohn der Isis und des Osiris, die ehemals die Rebellen in demselben
(27) Distrikt überwältigt hatten, und wegen denjenigen, die die Rebellen zu den Zeiten seines Vaters angeführt und das Land in Unruhe gestürzt und den Tempeln Unrecht zugefügt hatten, kam er nach Memphis, um
(28) seinen Vater und sein eigenes Königtum zu rächen; und als er dorthin kam, um sich den besonderen Feierlichkeiten zur Thronbesteigung zu unterziehen, bestrafte er alle so wie sie es verdient hatten;

Kommentar zu Zeile 16 - 28

König Ptolemäus gibt den Priestern Steuerleichterungen und entpflichtet sie vom Kriegsdienst. Die gottlosen Feinde, von denen Ptolemäus berichtet, gibt es auch zahlreich im Landesinneren. Ptolemäus bekämpft Aufständische, die sich gegen seine Regierung erheben. Ab Satz 24 berichtet er von einer miltärischen Auseinandersetzung im "achten Jahr", gemeint ist das achte Jahr seiner 205 v. Chr. begonnenen Herrschaft. Ptolemäus verhindert die Bewässerung der Felder, um die Bewohner von Lycopolis mürbe zu machen und den Aufstand niederzuschlagen.

Der Stein von Rosetta - Zeile 29 bis 40

(29) und er erließ den Tempeln alle Schulden an die Krone, die bis zu seinem achten Jahr noch nicht bezahlt waren, keine kleinen Summen Geldes und Mengen an Getreide; ebenso erließ er die Geldstrafen für
(30) das noch nicht an die Krone abgeführte Byssus-Gewebe wie auch, für den gleichen Zeitraum, die verschiedenen Gebühren für die Nachprüfung bereits abgeführten Gewebes; und er befreite die Tempel von des Arlabe für jeden Aroura geheiligten Landes und ebenso davon, einen
(31) Krug Wein für jeden Aroura Weinland abgeben zu müssen; und er machte viele Schenkungen für Apis und Mnevis und die anderen heiligen Tiere in Ägypten, da er sehr viel mehr Rücksicht nahm auf alles was den
(32) Göttern zugehörte als die Könige vor ihm; und für ihre Bestattungen gab er alle Dinge, die man brauchte, reichlich und prächtig, und was normalerweise an ihre besonderen Schreine geleistet wurde, mit Opferungen und Feierlichkeiten und anderen üblichen Bräuchen;
(33) und er behielt die Ehrungen der Tempel und Ägyptens bei, wie es das Gesetz vorschreibt; und er schmückte den Tempel des Apis reich mit Werken, indem er ihm Gold und Silber
(34) und Edelsteine gab, keine kleinen Beträge; und er hat Tempel und Schreine und Altäre gestiftet, und er hat diejenigen instand gesetzt, die dessen bedurften, da ihm in allen religiösen Dingen
(35) der Geist eines wohltätigen Gottes eigen ist; und auf Fürbitte hin erneuert er den rühmlichsten aller Tempel während seiner Regierungszeit, wie es sich ziemt; und als Belohnung für diese Dinge haben ihm die Götter Gesundheit, Sieg, Kraft und alle anderen schönen Dingen gegeben,
(36) und er und seine Kinder sollen die Königswürde für alle Zeiten behalten. Mit gutem Glück: Die Priester aller Tempel im Lande haben beschlossen, die bereits bestehenden Ehrungen für
(37) den König Ptolemaios, der ewig lebt, geliebt von Ptah, der Gott Epiphanes Eucharistos, beträchtlich zu vergrößern, ebenso diejenigen für seine Eltern, die Götter Philopatores, und für seine Vorfahren, die wohltuenden Götter und
(38) die Götter Adelphoi und die Götter Soteres, und an der sichtbarsten Stelle in jedem Tempel ein Standbild des ewig lebenden Königs Ptolemaios, geliebt von Ptah, der Gott Epiphanes Eucharistos aufzustellen,
(39) das dasjenige von „Ptolemaios, der Verteidiger von Ägypten" genannt werden soll, neben dem der Hauptgott des Tempels stehen und ihm die Siegeswaffe überreichen soll, und alle sollen in
(40) Stil angefertigt werden; und alle Priester sollen den Standbildern dreimal am Tage huldigen und ihnen die heiligen Gewänder anlegen und alle anderen üblichen Ehrungen erweisen, wie sie den übrigen Göttern an den ägyptischen Festtagen zuteil werden;

Kommentar zu Zeile 29 bis 40

Ptolemäus hat in der Vergangenheit Tempel, Schreine und Standbilder errichtet und möchte dies in Zukunft auch weiterführen. Das Signal an die Priester ist eindeutig: Ptolemäus möchte sich mit Zugeständnissen ihrer Loyalität versichern. Der Handel nützt beiden seiten, denn als Gott Ptolemäus wird er selbst in den Standbildern dargestellt. In Zeile 37 nimmt er Bezug zu Ptah, dem ägyptischen Gott der Handwerker. Vielleicht ist dies ein kleiner Hinweis darauf, dass er sich Statuen von bester Qualität erwünscht.

Der Stein von Rosetta - Zeile 41 bis 54

(41) und für den König Ptolemaios, den Gott Epiphanes Eucharistos, von König Ptolemaios und Königin Arsinoe hergekommen, den Göttern Philopatores, in jedem der Tempel eine Statue und einen goldenen Schrein zu errichten
(42) Und ihn im inneren Gemach bei den anderen Schreinen aufzustellen; und bei den großen Festen, an denen die Schreine in der Prozession mitgetragen werden, soll auch der Schrein des Gottes Epiphanes Eucharistos in der Prozession mitgetragen werden.
(43) Damit er sich leicht unterscheiden ließe jetzt und für alle Zeiten, sollen dem Schrein die zehn goldenen Diademe des Königs aufgesetzt und ein Uräus beigefügt werden, aber statt
(44) der uräusförmigen Diademe, welche sieh auf den anderen Schreinen befinden, soll hier in deren Mitte die pschent genannte Krone sein, die er sich aufsetzte als er in den Tempel zu Memphis trat,
(45) um darin die feierlichen Handlungen anlässlich der Annahme der Königswürde vorzunehmen; und es sollen auf der viereckigen Oberfläche rund um die Diademe nebst der vorerwähnten Krone auch goldene Symbole angebracht werden
(46) Dass dies des Königs ist, der die Oberen und die Unteren Länder manifest macht. Und weil es der 30. Tag des Mesore ist, an dem der Geburtstag des Königs gefeiert wird und ebenfalls
(47) an dem er seinem Vater in die Königswürde nachfolgte, haben sie in den Tempeln diese Tage als Namenstage in Ehren gehalten, weil sie Quellen reichen Segens für alle sind; es wurde ferner angeordnet, dass an diesen Tagen in jedem Monat in den Tempeln ganz Ägyptens Feierlichkeiten abgehalten werden,
(48) an welchen Brand- und Trankopfer dargebracht und alle sonstigen, an anderen Feierlichkeiten üblichen Zeremonien vollzogen werden sollen
(49) in den Tempeln dienen. Und ein Festtag soll jährlich für den König Ptolemaios, der ewig lebt, geliebt von Ptah, der Gott Epiphanes Eucharistos, in den Tempeln des ganzen
(50) Landes abgehalten werden, vom 1. Tag des Thot an für fünf Tage, an welchen sie Kränze ragen und Brand- und Trankopfer darbringen und die anderen üblichen Ehrungen erweisen sollen, und die Priester sollen
(51) Priester des Gottes Epiphanes Eucharistos genannt werden, zusätzlich zu den Namen der anderen Götter denen sie dienen; und ihre Priesterwürde soll auf allen offiziellen Dokumenten erscheinen
(52) und Privatpersonen soll ebenfalls erlaubt sein, den Festtag einzuhalten und den vorerwähnten Schrein aufzustellen und ihn in ihren Häusern zu haben und jährlich die genannten Feste abzuhalten,
(53) Damit es allen zur Kenntnis gelange, dass das Volk Ägyptens den Gott Epiphanes Eucharistos, den König, verherrlicht und ehrt, wie das Gesetz es verlangt. Dieses Dekret soll in eine Stele aus
(54) Hartem Stein in heiligen und einheimischen und griechischen Buchstaben eingemeißelt und in jedem Tempel der ersten, zweiten und dritten [Ordnung] neben dem Standbild des ewig lebenden Königs aufgestellt werden.

Kommentar zu Zeile 41 bis 54

(1) Der Fund von Rosetta
(2) Hieroglyphen
(3) Pharaonen
(4) Ägyptologie
(5) Geschichte Ägyptens

Die letzte Zeile nennt noch einmal die Schriftarten. Anmerkung: Heilige Buchstaben sind die Hieroglyphen, einheimische die demotischen. Die Sprache der Priester sind die Hieroglyphen, an sie wendet sich Ptolemäus zuerst, denn er braucht sie zur Sicherung seiner Macht. Die Sprache der ägyptischen Beamten ist das Demotische. Sie treiben für Ptolemäus die Steuern ein, der Stein von Rosetta ist also auch ein Amtsschreiben. Das Griechische ist die Sprache der Regierung und der Gelehrten. Zeile 54 offenbart auch, dass es eine ganze Fülle von "Kopien" des Steins geben könnte. Das Dekret enthält die Vorschrift, in allen wichtigen Tempeln des Landes neben der Statue des Königs plaziert zu werden.

Stein von Rosetta (3): Die Priester von Memphis