ARCHÄOLOGIE
Lektion

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Der Stein von Rosetta (2): Die Entzifferung der Hieroglyphen

Die Schritte zur Entzifferung der Hieroglyphenschrift

Stein von Rosetta
Der Steins von Rosetta
Jean-Francois Champollion
Napoleon Bonaparte

Champollion ist nicht nur ein begeisterter Anhänger des Feldherrn und Politikers Napoleons, er teilt auch dessen Ägyptomanie. Jenes wäre ihm nach der Verbannung seines Kaisers zum Fluch beinahe zum Fluch geworden. Nicht immer hat er Zugang zu seinen Arbeitsmaterialien, und kann seiner Forschungsaufgabe nachgehen, die er als Lebensaufgabe versteht: Die Entzifferung der Hieroglyphen.  Die Kernfrage lautet zunächst, in welche der beiden großen Kategorien die Hieroglyphen prinzipiell einzuordnen sind. Die Sprachwissenschaft unterscheidet Bilderschriften und Lautschriften. Das Chinesische ist beispielsweise eine reine Bilderschift. Ihre Zeichen repräsentieren exakt den Gegenstand, der auf ihnen abgebildet ist. Die Aussprache ist hiervon aber völlig unabhängig. Als Folge dieses Systems gibt es heute in China eine einheitliche Schrift, aber völlig unterschiedliche Sprechweisen. In den europäischen Sprachen hingegen werden die Zeichen (Buchstaben) mit Lauten gleichgesetzt.

Champollion ist sprachlich sehr begabt und hat schon frühzeitig damit begonnen, sich auch mit beiderlei Systemen auseinanderzusetzen. Bei den sorgsam hergestellten Hieroglyphen deutet zunächst alles daruf hin, dass sie zur Gruppe der Bilderschriften gehören. Demnach stünde jeweils eine Hieroglyphe für ein bestimmtes Wort wie Stadt, Reich oder Pharao. Zunächst macht sich der Wissenschaftler daran, für die drei gleichlautenden Texte auf dem Stein formale Übereinstimmungen zu finden. Er vergleicht dabei sowohl die Wortlängen und die Anzahl der Zeichen: Der Stein enthält 486 griechische Wörter und 1419 Hieroglyphen. Dies macht ihn stutzig, denn ein Text in einer Bildersprache ist nicht notwendig länger als in einer Zeichensprache. Vielleicht hat der Text der Hieroglyphen aber auch einen anderen Inhalt - für Champollion wäre damit eine Welt zusammengebrochen, denn für die Entzifferung wäre der Stein dann nicht hilfreicher als irgendein anderes Fundstück.

Das Rätsel um die Herrschernamen

Stein von Rosetta
Die Inschriften des Steins von Rosetta
Oben: Hieroglyphen
Mitte: Demotisch
Unten: Griechisch

Weitere Erkenntnisse gewinnt er aus den Namen im Text. Im griechischen Teil kommen 10 Personennamen vor, darunter so bekannte wie Ptolemäus, Alexander und Berenike. Wo waren diese nun im hieroglyphoschen Text zu finden? Unterstützung erhält er durch ein Papyrus, das einen Namen in der demotischen Schrift enthält, die nach den Hieroglyphen als Verwaltungssprache in Ägypten eingesetzt wurde. In diesem Text findet sich das Wort Kleopatra.  Nun beginnt Champollion ein Experiment. Er versucht sich daran, den Namen Kleopatra in die Hieroglyphenschrift zurück zu übertragen. Vermutlich wäre es beim Experiment geblieben, wenn er nicht eine Abschrift des Obelisken aus Philae erhalten hätte. In diesem Obelisken steht der Name der Kleopatra so, wie er ihn zurückgebildet hatte. Er bestand nicht aus einem einzigen Bild, sondern tatsächlich aus mehreren Zeichen, die an eine Lautschrift erinnerten. In den Namen von Kleopatra und Ptolemäus findet sich ein L, das durch einen Löwen repräsentierte wird. Der Legende nach soll Champollion folgenden Satz ausgerufen haben: "Die beiden Löwen werden dem Löwen zum Siege verhalfen!"

Die Hieroglyphen

Der Begriff Hieroglyphe setzt sich aus den griechischen Wörtern hieros (heilig) und glyphe (Eingrabung) zusammen. Die ersten Schriften waren religiöser Natur, und als Material war Stein noch weiter verbreitet als Papyrus. Die ägyptischen Hieroglyphen waren von 3000 v. Chr. bis 300 nach Chr. in Gebrauch. Als geläufigere Schreibschrift entwickelte sich aus den Hieroglyphen die hieratische Schrift. Ab dem 7. Jahrhundert kommt parallel zu den Hieroglyphen die demotische Schrift in Gebrauch.

Nach und nach gelingt ihm die Entschlüsselung weitere Buchstaben. Die Wissenschaft hat eine Sensation: Die lange als Bilderschrift für unübersetzbar gehaltenenen Hieroglyphen waren nun bereit, ihre Geheimnisse preiszugeben.
1822 schickt er seinen berühmten Brief an die Academie Française. Er teilt mit, dass er imstande ist, die Namen der Pharaonen zu entziffern und listet auf, welche Übereinstimmungen zwischen den griechischen und den hieroglyphischen Lautzeichen existieren.
Das Schreiben wird später als "Brief an Herrn Dacier" (dieser war Sekretär der Academie Française) publik gemacht. Champollion hat seinen Lebenstraum erfüllen können.

Die Transskription 

(1) ΒΑΣΙΛΕΥΟΝΤΟΣ ΤΟΥ ΝΕΟΥ ΚΑΙ ΠΑΡΑΛΑΒΟΝΤΟΣ ΤΗΝ ΒΑΣΙΛΕΙΑΝ ΠΑΡΑ ΤΟΥ ΠΑΤΡΟΣ ΚΥΡΙΟΥ ΒΑΣΙΛΕΙΩΝ ΜΕΓΑΛΟΔΟΞΟΥ ΤΟΥ ΤΗΝ ΑΙΓΥΠΤΟΝ ΚΑΤΑΣΤΗΣΑΜΕΝΟΥ ΚΑΙ ΤΑ ΠΡΟΣ ΤΟΥΣ
(2) ΘΕΟΥΣ ΕΥΣΕΒΟΥΣ ΑΝΤΙΠΑΛΩΝ ΥΠΕΡΤΕΡΟΥ ΤΟΥ ΤΟΝ ΒΙΟΝ ΤΩΝ ΑΝΘΡΩΠΩΝ ΕΠΑΝΟΡΘΟΣΑΝΤΟΣ ΚΥΡΙΟΥ ΤΡΙΑΚΟΝΤΑΕΤΗΡΙΔΩΝ ΚΑΘΑΠΕΡ Ο ΗΦΑΙΣΤΟΣ Ο ΜΕΓΑΣ ΒΑΣΙΛΕΥΣ ΚΑΘΑΠΕΡ Ο ΗΛΙΟΣ

(1) Unter der Regierung des Jünglings, der seinem Vater in der Königswürde nachfolgte, Gebieter über die Diademe, der ruhmvollste, der Ägypten errichtet hat und fromm
(2) gegenüber den Göttern ist, der über seine Feinde triumphiert, der das gesittete Leben der Menschen wiederhergestellt hat, Herr der Dreiessig-Jahr-Feiern, gerecht wie Hephaistos der Große, ein König der Sonne gleich,

Der Text des Steines von Rosetta

(1) Der Fund von Rosetta
(2) Hieroglyphen
(3) Pharaonen
(4) Ägyptologie
(5) Geschichte Ägyptens


(3) großer König der Oberen und der Unteren Länder, Abkömmling der Götter Philopatores, der von Hephaistos anerkannt ist, dem die Sonne Sieg gegeben hat, das lebende Ebenbild des Zeus, Sohn der Sonne, PTOLEMAIOS,
(4) DER EWIG LEBT, GELIEBT VON PTAH, im neunten Jahr, als Aetos, Sohn des Aetos,Priester des Alexanders war, und der Götter Soteres, und der Götter Adelphoi, und der Götter Euergetai, und der Götter Philopatores, und
(5) des Gottes Epiphanes Eucharistos; als Pyrrha, Tochter des Philinos, Athlophore der Berenike Euergetis war; als Areia, Tochter des Diogenes, Kanephore der Arsinoe Philadelphos war; als Irene,
(6) Tochter des Ptolemaios, Priesterin der Arsinoe Philopator war; am vierten Tag des Monats Xandikos, nach den Ägyptern der 18. Tag des Monats Mekhir. DEKRET. Die Oberpriester haben sich versammelt und die Propheten und diejenigen, die den inneren Schrein betreten, um die
(7) Götter zu gewanden, und die Fächer-Träger und die heiligen Schreiber und die anderen Priester aus den Tempeln des ganzen Landes, sie waren alle nach Memphis gekommen, um dort mit dem König zusammenzutreffen, zum Fest des Empfangs der Königswürde
(8) Durch PTOLEMAIOS, DER EWIG LEBT, GELIEBT VON PTAH, DER GOTT EPIPHANES EUCHARISTOS, in die er seinem Vater nachfolgte. Sie hatten sich an diesem Tag im Tempel zum Memphis versammelt und sprachen:

Stein von Rosetta (2): Entzifferung der Hieroglyphen